Wissen, wer man ist, heißt auch, seine Gefühle einordnen zu können. Dazu muss man früh lernen, sie in Worte zu fassen
Claudia, 34 Jahre, hat mit ihrem Freund Schluss gemacht.„Doch schwieriger, als Robert zu sagen, dass es vorbei ist, war, es meinem Vater zu beichten. Er hat – gelinde gesagt – keinerlei Verständnis dafür, wie ich lebe. Für ihn ist man erst erwachsen, wenn man eine Familie und/oder einen guten Job hat. Habe ich beides nicht. Trotzdem finde ich mein Leben ganz in Ordnung. Solange mich mein Vater mit seiner Kritik – oder noch schlimmer: mit seinem Mitleid verschont. Sein Kommentar zur Trennung von Robert: ‚Da hast du dir wahrscheinlich einfach nicht genug Mühe gegeben.‘ Ich hätte schreien mögen. Aber ich habe geschwiegen. Wie immer. Ich weiß, dass es mich nicht weiterbringt, aber schweigen und weggehen ist alles, was ich seinen Angriffen je entgegenzusetzen hatte. In Gesprächen mit ihm fürchte ich jedes Mal, den Verstand zu verlieren. Mein ganzes Gefühl dafür, wer ich bin und was mir wichtig ist im Leben, löst sich in Nichts auf, und ich mutiere zu dem Häufchen Elend, als das er mich sieht.“ Nur wenige Menschen können einen so sehr verärgern, verletzen, kränken oder demütigen wie die nächsten Angehörigen. Worte können eine ungeheure Sprengkraft haben, also schweigen wir: aus Angst, andere zu verletzen oder selbst verletzt zu werden, aus Wut, Enttäuschung und Scham, manchmal auch aus Liebe. Wir verstecken uns hinter Zynismus, heucheln Desinteresse, zeigen Herablassung und demonstrieren Gelassenheit; alles Masken, die unsere wahren Emotionen und Gedanken verbergen sollen, damit wir, wenn schon nicht unangreifbar, dann wenigstens weniger verletzbar sind. Gefühle und Gedanken auszudrücken sei jedoch das A und O,um Erlebnisse besser verarbeiten zu können, sagt Dagmar Fischer. Fischer ist Kommunikationstrainerin und arbeitet nach der Methode des amerikanischen Kommunikationsexperten Thomas Gordon. Besonders für Kinder sei es extrem wichtig, dass sie das, was sie erlebt haben, auch ausdrücken können – egal wie unsäglich Erwachsene das finden mögen, erklärt sie. Verweigert man einem Kind diese Möglichkeit, indem man ihm ständig über den Mund fährt, seinen Erzählungen keine Aufmerksamkeit oder keinen Glauben schenkt, es belächelt oder kritisiert, dann wird es sich bei entsprechender Sensibilität irgendwann gar nichts mehr mitteilen. „Sprechen lernt man nämlich nur durch Sprechen, so wie man Autofahren nur durch Autofahren lernt“, erläutert Fischer. Bevor man sprechen kann, brauche es aber zwei Dinge: den Antrieb, sprechen zu wollen, sowie den Wortschatz und die Wortgewandtheit, sich auszudrücken. Dass Kommunikationsdefizite oft mit mangelndem Selbstwert einhergehen und sehr viel mit Sozialisation zu tun haben, bestätigt auch Psychologin und Kommunikationstrainerin Dr. Ulrike Dambmann: „Ein Kind, dessen Wünsche, Meinungen und Bedürfnisse nicht ernst genommen werden, wird auch als Erwachsener größere Schwierigkeiten haben, sich mitzuteilen, als ein Kind, dessen Eltern es darin unterstützen, sich mitzuteilen und Position zu beziehen. Es sei denn, es bieten ihm irgendwann andere Umgebungen wie Kindergarten, Schule oder Freundeskreis die Möglichkeit, aus sich herauszugehen und so einen Ausgleich herzustellen.“ „Bei uns zu Hause wird nicht so viel gesprochen“, erzählt der 19-jährige Lukas. „Also, nicht dass wir nicht miteinander reden würden, aber das ist eher so Alltagskram: wer wann das Auto bekommt, was eingekauft werden soll, wer mit dem Hund rausgeht. Eigentlich ist mir das nie so richtig aufgefallen, bis ich vor vier Jahren meine Freundin Maja kennen gelernt habe. Ihr Vater ist Nachrichtenredakteur beim Fernsehen, ihre Mutter Boulevardjournalistin – und genauso sind auch die Gespräche bei denen zu Hause: Da wird mit jedem zu jederzeit über alles gesprochen. Ob es nun um die politische Lage im Sudan, Heidi Klums Babybauch, den kranken Hund der Nachbarin oder um meine und Majas Beziehung geht: Jeder hat dazu eine Meinung und äußert sie auch – ob die sechsjährige Lily oder die 89-jährige Oma Rosa. Das ist zwar manchmal ganz schön anstrengend, aber dafür viel lebendiger als bei uns zu Hause. Ich jedenfalls finde es gut, eine Freundin zu haben, die einfach offen und ehrlich sagt, was sie denkt und fühlt, anstatt sich hinter irgendwelchem Rumgezicke zu verstecken, und mit der ich über alles reden kann, auch wenn sie mich manchmal erst dazu zwingen muss.“ „Dialogische Beziehungen“, erklärt Dr. Martin R. Textor, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Staatsinstitut für Frühpädagogik, „gelten auch als ‚expressiv‘ (ausdrucksstark). Das heißt, sie sind durch intensive Emotionen, menschliche Wärme und Zuneigung gekennzeichnet.“ Der amerikanischen Familientherapeutin und Autorin Virginia Satir zufolge hat deshalb diejenige Familie die besten Aussichten, entwicklungsfördernd zu wirken, deren Regeln freie Äußerung zu allen Themen erlauben, ob sie nun schmerzlich oder erfreulich sind. Folgende fünf Freiheiten sollten dabei garantiert sein: Zu hören und zu sehen, was ist.Zu sagen, was man fühlt und denkt. Zu fühlen, was man empfindet.Zu erbitten, was man wünscht, und zu wagen, was reizvoll ist. Denn zwischenmenschliche Probleme entstehen nachweislich am ehesten in solchen Familien, in denen Gedanken, Emotionen und Bedürfnisse nicht ausgedrückt, sondern unterdrückt werden. Elke, 39 Jahre, und ihre 14-jährige Tochter Lara liefern sich einen regelrechten Nervenkrieg. „Lara reagiert überhaupt nicht mehr auf das, was ich ihr sage. Sie macht, was sie will, und ist mir gegenüber nur noch aggressiv. Sie war schon immer eine Vatertochter. Die Geburt der Zwillinge vor vier Jahren hat das nur noch verstärkt. Seitdem gibt es für Lara nur noch meinen Mann, während sie mich entweder ignoriert oder attackiert. Ich zermartere mir das Hirn, was ich ihr getan habe, dass sie mich so abstraft. Und ich habe es satt, ständig auf sie und ihre Launen Rücksicht zu nehmen, nur damit es nicht wieder zum Eklat kommt. Ich habe keine Lust mehr, sie um alles zehnmal zu bitten, an Abmachungen wieder und wieder zu erinnern, sie ständig zu ermahnen und ihr mit Konsequenzen zu drohen oder Belohnungen auszuhandeln – und doch nichts zu erreichen. Ich habe das Gefühl, in meinen Auseinandersetzungen mit und um Lara verpufft meine ganze Energie.“ Die meisten Interaktionen innerhalb einer Familie seien, so Textor, strukturiert, gewohnheitsmäßig und vorhersagbar. Einerseits entlasten solche Verhaltensmuster die Familienmitglieder, weil sie damit etablierte Rollen und Beziehungen aufrechterhalten, andererseits schränken sie die Bandbreite möglicher Verhaltensweisen aber auch erheblich ein und können damit die Selbstentfaltung und Weiterentwicklung der Familie behindern, denn sie erfüllen häufig nur den einen Zweck: das wirkliche Problem zu verdecken. Das gilt besonders dann, wenn der Konflikt nicht nur zwischen Einzelpersonen schwelt, sondern sich bereits Koalitionen (wie Männer gegen Frauen, Kinder gegen Eltern, Vater und Tochter gegen Mutter und Sohn) gebildet haben. Den Hauptgrund für gestörte Kommunikation, quasi das Problem, mit dem kleine Missverständnisse erst zu einer Kommunikationsblockade werden, sieht Dagmar Fischer allerdings darin, dass die meisten Menschen sich selbst nicht richtig kennen. Viele wissen gar nicht, wie sie sich eigentlich fühlen, geschweige denn, dass sie ihre Gefühle in Worte fassen könnten, stellt sie fest. „Der Blick der Menschen ist einfach nicht mehr geschult auf das, was sich in ihrer unmittelbaren Nähe abspielt. Vielen mangelt es an Einfühlungsvermögen und Selbstwahrnehmung. Sie reagieren nur noch, anstatt zu agieren.Und dann stecken sie plötzlich in einer Krise und verstehen die Welt nicht mehr, weil sie nicht mitbekommen haben, wann ihre ganz persönliche Situation begonnen hat, aus dem Ruder zu laufen. Deshalb bin ich sehr darauf bedacht, bei meinen Kursteilnehmern die Wahrnehmung dafür zu schulen, was in ihnen und um sie herum vorgeht. Nur wer mit sich selbst in Beziehung steht, wer weiß, wer er ist und was er zu leisten imstande ist, ist auch in der Lage, gesunde Beziehungen zu anderen herstellen.“ „Gesunde menschliche Beziehungen basieren auf Gleichwertigkeit“, weiß Virginia Satir. Das gilt für den Umgang mit Erwachsenen, mehr aber noch für die Erziehung von Kindern.„Bindungen entstehen vor allem über Sprache. Kommunikation und Sprache wiederum“, so Fischer, „entwickeln sich in erster Linie durch Nachahmen. Daher brauchen Kinder, um sich zu emotional stabilen, intellektuell reifen und kreativen Menschen entwickeln zu können, einen verlässlichen Ansprechpartner.“ Mit einer gefestigten und authentischen Persönlichkeit, um sich an ihm orientieren zu können.
Daniela Walther