„Sprache ist eng mit Handlung verbunden“

Weil wir auf andere angewiesen sind, haben wir auch die Fähigkeit, uns mitzuteilen. Ein Interview mit Sozialpsychologin Dr. Ulrike Dambmann

Frau Dr. Dambmann, wird heute zu viel oder zu wenig geredet? Dr. Ulrike Dambmann: Sowohl als auch. Die einen zerreden alles. Die anderen vermeiden jedes Gespräch. Insgesamt halte ich Reden schon für wichtig – vor allem, wenn es um Probleme geht. Ich denke, da ist Sprache das A und O. Was muss gegeben sein, damit Kommunikation auch funktioniert? Dambmann: Sprache ist für die Menschen einer Gesellschaft das wichtigste Verständigungsmittel. Verbale Kommunikation setzt daher zunächst einmal voraus, dass ich Mitglied eines bestimmten Sprachkulturkreises bin, um den anderen verstehen zu können. Nur über Sprache ist es möglich, sich Vergangenheit und Zukunft vorzustellen, um so in der Gegenwart überhaupt sinnvoll handeln zu können. Lesen Sie weiter bei »„Sprache ist eng mit Handlung verbunden“«…

Das Gleichgewicht der Werte

Oder: Was haben Straßenzeitungen mit Pressefreiheit zu tun?

Die UNO bestimmte 1991 den 3. Mai zum Welttag der Pressefreiheit, um die besondere Bedeutung einer unabhängigen Presse für eine funktionierende Demokratie hervorzuheben. Seither steht dieser Tag unter einem speziellen Motto. Das diesjährige lautet: „Pressefreiheit macht sich bezahlt“. – Besonders für die Armen, könnte man hinzufügen. „Rund 80 Prozent der Weltbevölkerung müssen auf eine vollständig freie Presse verzichten. Dabei fällt auf, dass die Mehrheit davon in Entwicklungsländern zu Hause ist“, schreibt der scheidende Weltbankpräsident James D. Wolfenson für den Weltverband der Zeitungen anlässlich des 3.Mai. In seinem Beitrag legt der Finanzexperte dar, dass von den sechs Milliarden Menschen, die auf der Erde Leben, eine Milliarde 80 Prozent des globalen Vermögens Lesen Sie weiter bei »Das Gleichgewicht der Werte«…

Nichts ist unsäglich

Wissen, wer man ist, heißt auch, seine Gefühle einordnen zu können. Dazu muss man früh lernen, sie in Worte zu fassen

Claudia, 34 Jahre, hat mit ihrem Freund Schluss gemacht.„Doch schwieriger, als Robert zu sagen, dass es vorbei ist, war, es meinem Vater zu beichten. Er hat – gelinde gesagt – keinerlei Verständnis dafür, wie ich lebe. Für ihn ist man erst erwachsen, wenn man eine Familie und/oder einen guten Job hat. Habe ich beides nicht. Trotzdem finde ich mein Leben ganz in Ordnung. Solange mich mein Vater mit seiner Kritik – oder noch schlimmer: mit seinem Mitleid verschont. Sein Kommentar zur Trennung von Robert: ‚Da hast du dir wahrscheinlich einfach nicht genug Mühe gegeben.‘ Ich hätte schreien mögen. Aber ich habe geschwiegen. Wie immer. Ich weiß, dass es mich nicht weiterbringt, aber schweigen und weggehen ist alles, was ich seinen Angriffen je entgegenzusetzen hatte. In Gesprächen mit ihm fürchte ich jedes Mal, den Verstand zu verlieren. Mein ganzes Gefühl dafür, wer ich bin und was mir wichtig ist im Leben, löst sich in Nichts auf, und ich mutiere zu dem Häufchen Elend, als das er mich sieht.“ Nur wenige Menschen können einen so sehr verärgern, verletzen, kränken oder demütigen wie die nächsten Angehörigen. Worte können eine ungeheure Sprengkraft haben, also schweigen wir: aus Angst, andere zu verletzen oder selbst verletzt zu werden, aus Wut, Enttäuschung und Scham, manchmal auch aus Liebe. Wir verstecken uns hinter Zynismus, heucheln Desinteresse, zeigen Herablassung und demonstrieren Gelassenheit; alles Masken, die unsere wahren Emotionen und Gedanken verbergen sollen, damit wir, wenn schon nicht unangreifbar, dann wenigstens weniger verletzbar sind. Gefühle und Gedanken auszudrücken sei jedoch das A und O,um Erlebnisse besser verarbeiten zu können, sagt Dagmar Fischer. Fischer ist Kommunikationstrainerin und arbeitet nach der Methode des amerikanischen Kommunikationsexperten Thomas Gordon. Besonders für Kinder sei es extrem wichtig, dass sie das, was sie erlebt haben, auch ausdrücken können – egal wie unsäglich Erwachsene das finden mögen, erklärt sie. Verweigert man einem Kind diese Möglichkeit, indem man ihm ständig über den Mund fährt, seinen Erzählungen keine Aufmerksamkeit oder keinen Glauben schenkt, es belächelt oder kritisiert, dann wird es sich bei entsprechender Sensibilität irgendwann gar nichts mehr mitteilen. „Sprechen lernt man nämlich nur durch Sprechen, so wie man Autofahren nur durch Autofahren lernt“, erläutert Fischer. Bevor man sprechen kann, brauche es aber zwei Dinge: den Antrieb, sprechen zu wollen, sowie den Wortschatz und die Wortgewandtheit, sich auszudrücken. Dass Kommunikationsdefizite oft mit mangelndem Selbstwert einhergehen und sehr viel mit Sozialisation zu tun haben, bestätigt auch Psychologin und Kommunikationstrainerin Dr. Ulrike Dambmann: „Ein Kind, dessen Wünsche, Meinungen und Bedürfnisse nicht ernst genommen werden, wird auch als Erwachsener größere Schwierigkeiten haben, sich mitzuteilen, als ein Kind, dessen Eltern es darin unterstützen, sich mitzuteilen und Position zu beziehen. Es sei denn, es bieten ihm irgendwann andere Umgebungen wie Kindergarten, Schule oder Freundeskreis die Möglichkeit, aus sich herauszugehen und so einen Ausgleich herzustellen.“ „Bei uns zu Hause wird nicht so viel gesprochen“, erzählt der 19-jährige Lukas. „Also, nicht dass wir nicht miteinander reden würden, aber das ist eher so Alltagskram: wer wann das Auto bekommt, was eingekauft werden soll, wer mit dem Hund rausgeht. Eigentlich ist mir das nie so richtig aufgefallen, bis ich vor vier Jahren meine Freundin Maja kennen gelernt habe. Ihr Vater ist Nachrichtenredakteur beim Fernsehen, ihre Mutter Boulevardjournalistin – und genauso sind auch die Gespräche bei denen zu Hause: Da wird mit jedem zu jederzeit über alles gesprochen. Ob es nun um die politische Lage im Sudan, Heidi Klums Babybauch, den kranken Hund der Nachbarin oder um meine und Majas Beziehung geht: Jeder hat dazu eine Meinung und äußert sie auch – ob die sechsjährige Lily oder die 89-jährige Oma Rosa. Das ist zwar manchmal ganz schön anstrengend, aber dafür viel lebendiger als bei uns zu Hause. Ich jedenfalls finde es gut, eine Freundin zu haben, die einfach offen und ehrlich sagt, was sie denkt und fühlt, anstatt sich hinter irgendwelchem Rumgezicke zu verstecken, und mit der ich über alles reden kann, auch wenn sie mich manchmal erst dazu zwingen muss.“ „Dialogische Beziehungen“, erklärt Dr. Martin R. Textor, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Staatsinstitut für Frühpädagogik, „gelten auch als ‚expressiv‘ (ausdrucksstark). Das heißt, sie sind durch intensive Emotionen, menschliche Wärme und Zuneigung gekennzeichnet.“ Der amerikanischen Familientherapeutin und Autorin Virginia Satir zufolge hat deshalb diejenige Familie die besten Aussichten, entwicklungsfördernd zu wirken, deren Regeln freie Äußerung zu allen Themen erlauben, ob sie nun schmerzlich oder erfreulich sind. Folgende fünf Freiheiten sollten dabei garantiert sein: Zu hören und zu sehen, was ist.Zu sagen, was man fühlt und denkt. Zu fühlen, was man empfindet.Zu erbitten, was man wünscht, und zu wagen, was reizvoll ist. Denn zwischenmenschliche Probleme entstehen nachweislich am ehesten in solchen Familien, in denen Gedanken, Emotionen und Bedürfnisse nicht ausgedrückt, sondern unterdrückt werden. Elke, 39 Jahre, und ihre 14-jährige Tochter Lara liefern sich einen regelrechten Nervenkrieg. „Lara reagiert überhaupt nicht mehr auf das, was ich ihr sage. Sie macht, was sie will, und ist mir gegenüber nur noch aggressiv. Sie war schon immer eine Vatertochter. Die Geburt der Zwillinge vor vier Jahren hat das nur noch verstärkt. Seitdem gibt es für Lara nur noch meinen Mann, während sie mich entweder ignoriert oder attackiert. Ich zermartere mir das Hirn, was ich ihr getan habe, dass sie mich so abstraft. Und ich habe es satt, ständig auf sie und ihre Launen Rücksicht zu nehmen, nur damit es nicht wieder zum Eklat kommt. Ich habe keine Lust mehr, sie um alles zehnmal zu bitten, an Abmachungen wieder und wieder zu erinnern, sie ständig zu ermahnen und ihr mit Konsequenzen zu drohen oder Belohnungen auszuhandeln – und doch nichts zu erreichen. Ich habe das Gefühl, in meinen Auseinandersetzungen mit und um Lara verpufft meine ganze Energie.“ Die meisten Interaktionen innerhalb einer Familie seien, so Textor, strukturiert, gewohnheitsmäßig und vorhersagbar. Einerseits entlasten solche Verhaltensmuster die Familienmitglieder, weil sie damit etablierte Rollen und Beziehungen aufrechterhalten, andererseits schränken sie die Bandbreite möglicher Verhaltensweisen aber auch erheblich ein und können damit die Selbstentfaltung und Weiterentwicklung der Familie behindern, denn sie erfüllen häufig nur den einen Zweck: das wirkliche Problem zu verdecken. Das gilt besonders dann, wenn der Konflikt nicht nur zwischen Einzelpersonen schwelt, sondern sich bereits Koalitionen (wie Männer gegen Frauen, Kinder gegen Eltern, Vater und Tochter gegen Mutter und Sohn) gebildet haben. Den Hauptgrund für gestörte Kommunikation, quasi das Problem, mit dem kleine Missverständnisse erst zu einer Kommunikationsblockade werden, sieht Dagmar Fischer allerdings darin, dass die meisten Menschen sich selbst nicht richtig kennen. Viele wissen gar nicht, wie sie sich eigentlich fühlen, geschweige denn, dass sie ihre Gefühle in Worte fassen könnten, stellt sie fest. „Der Blick der Menschen ist einfach nicht mehr geschult auf das, was sich in ihrer unmittelbaren Nähe abspielt. Vielen mangelt es an Einfühlungsvermögen und Selbstwahrnehmung. Sie reagieren nur noch, anstatt zu agieren.Und dann stecken sie plötzlich in einer Krise und verstehen die Welt nicht mehr, weil sie nicht mitbekommen haben, wann ihre ganz persönliche Situation begonnen hat, aus dem Ruder zu laufen. Deshalb bin ich sehr darauf bedacht, bei meinen Kursteilnehmern die Wahrnehmung dafür zu schulen, was in ihnen und um sie herum vorgeht. Nur wer mit sich selbst in Beziehung steht, wer weiß, wer er ist und was er zu leisten imstande ist, ist auch in der Lage, gesunde Beziehungen zu anderen herstellen.“ „Gesunde menschliche Beziehungen basieren auf Gleichwertigkeit“, weiß Virginia Satir. Das gilt für den Umgang mit Erwachsenen, mehr aber noch für die Erziehung von Kindern.„Bindungen entstehen vor allem über Sprache. Kommunikation und Sprache wiederum“, so Fischer, „entwickeln sich in erster Linie durch Nachahmen. Daher brauchen Kinder, um sich zu emotional stabilen, intellektuell reifen und kreativen Menschen entwickeln zu können, einen verlässlichen Ansprechpartner.“ Mit einer gefestigten und authentischen Persönlichkeit, um sich an ihm orientieren zu können.

Daniela Walther

Schöngefärbt

Der Erfolg einer Sache hängt ja angeblich davon ab, wie sie “kommuniziert” wird. Das heißt: Unangenehmes wird einfach positiv umschrieben

Sie bestimmen Alltag, Berufsleben und Politik: Euphemismen. Hinter dieser aus dem Griechischen stammenden Bezeichnung verbergen sich Wörter, die einen Sachverhalt beschönigend oder verschleiernd darstellen.”Unangenehmes mit angenehmen Worten sagen”, laut Brockhaus. Das fängt bereits morgens beim Kauf von Semmeln und Brezeln an. Der Bäcker hat die Preise “angepasst” – von der dreisten Erhöhung spricht er nicht. Auf der Fahrt ins Büro bittet die U-Bahn-Fahrerin um Verständnis für die “Verzögerung” – dabei handelt es sich um eine satte Verspätung. Rund um das Thema Arbeit wimmelt es nur so von Euphemismen. Mitarbeiter werden nicht entlassen, sondern “freigestellt”, “Synergien genutzt” statt Budgets gekürzt. Hauptsache, es klingt gut. Oder zumindest besser als das, was sich dahinter verbirgt. In einem Gesetzentwurf der Bundesregierung ist nachzulesen: “Es kommt darauf an, allen Bürgerinnen und Bürgern im Sinne des Gender Mainstreaming die Chancen eines gleichberechtigten Zugangs zu einer Erwerbstätigkeit zu eröffnen.” Das bedeutet alles – und nichts. Einsatz mit Absicht. “Mit der Verwendung von Euphemismen verbanden sich schon immer bestimmte Intentionen”, sagt Professor Konrad Ehlich. Der Sprachwissenschaftler von der Ludwig- Maximilians-Universität (LMU) erklärt: “Die Euphemismen kommen aus einer Zeit, in der man auf ganz andere Weise als heute auf die Macht des Wortes vertraute. Die Entstehungsgeschichte hat zudem einen starken religiösen Zusammenhang: Bestimmte Dinge waren mit sprachlichen Tabus belegt. Also versuchte man, nicht in die Machtsphäre dieser Wörter zu geraten, und wählte Alternativen.” In abgeschwächter Form existierten diese Wörter noch heute, beispielsweise als Fluchformeln wie “Potzblitz”. “Dabei wurde einst der Name Gottes nicht als solcher benutzt. Auch für die Negativwelt des Religiösen erfand man Euphemismen: Ausdrücke wie “Gott sei bei uns” dienten dazu, den Teufel nicht direkt zu benennen und sich dadurch zu schützen.” Ausgehend vom religiösen Umfeld, so Professor Ehlich, entwickelten sich auch in anderen Bereichen Euphemismen. “Das betraf zunächst sehr stark tabuisierte Körperbereiche. In Bezug auf die menschlichen Ausscheidungen gibt es komplette Wortfelder von Euphemismen, wie Ausdrücke für Toilette:WC oder Stilles Örtchen.” Euphemismen und Sprachregelungen sind allgegenwärtig. Drogen verwandeln sich in “Genussmittel”, Altersheime in “Seniorenresidenzen” und Versicherungskosten in “Beitragsprämien”.Mit jeder Verwendung sickern die schöngefärbten Begriffe ins Bewusstsein. Geradezu detektivische Fähigkeiten sind erforderlich, um die Geheimcodes in Arbeitszeugnissen zu knacken. Seitdem 1960 gerichtlich beschlossen wurde, dass Bewertungen der Wahrheit entsprechen müssen, aber gleichzeitig das Fortkommen von Arbeitnehmern nicht behindern dürfen, nimmt die Verschlüsselungstechnik immer kuriosere Züge an. In Ratgebern ist nachzulesen, was beispielsweise vom Satz “Er arbeitete mit größter Genauigkeit” zu halten ist: Der Mitarbeiter war ein langsamer und unflexibler Pedant.Wird eine Angestellte als “tüchtig und in der Lage, sich gut zu verkaufen” bezeichnet, heißt dies, dass sie eine impertinente Wichtigtuerin war. Und noch ein Beispiel: “Für die Belange der Belegschaft bewies er stets Einfühlungsvermögen” bedeutet, dass der Mann offenbar heftig flirtete und ständig auf der Suche nach Sexualkontakten gewesen ist. Von den Verklausulierungen sind mittlerweile alle verunsichert – vor den Arbeitsgerichten streiten Arbeitgeber und -nehmer um korrekte Aussagen. Ein Paradies für Wortverdreher: Wahlkämpfe und der politische Alltag. “Unsere Politiker sind teilweise geradezu Meister im Erfinden von Euphemismen”, sagt Professor Konrad Ehlich. “Ihre Absicht ist es, unliebsame Tatbestände so zu umschreiben, dass das Problematische zum Verschwinden gebracht wird. Das so genannte Nullwachstum oder Negativergebnis sind aktuelle Beispiele, in denen die pseudopositive Redeweise ein negatives Resultat zudeckt.” Offenbar gäbe es eine ganze Reihe von modernen politischen Werbe- und Propaganda-Abteilungen, die damit beschäftigt seien, schöne neue Wörter für eine weniger schöne Welt zu erfinden. Wie beurteilt der Sprachwissenschaftler Wortschöpfungen wie Hartz IV? “Das ist noch eine vergleichsweise bescheidene Variante ohne spezifische Bedeutung. Viel auffälliger sind all jene Terminologien, die im Umfeld von Hartz IV entstanden, wie Ein- Euro-Job und Ich-AG. Das zeugt von großer Kreativität”, meint Ehlich. Heribert Prantl hat sich für sein neues Buch “Kein schöner Land” ebenfalls mit den Verschleierungstaktiken beschäftigt. Er schreibt: “Es heißt jetzt “Eigenverantwortung”, wenn die Schwächeren sich selbst überlassen bleiben. Die Kürzung von Arbeitgeberbeiträgen zur Rentenversicherung wird als “Beitrag zur Generationengerechtigkeit” verkauft.” Für politische Propaganda mit Hilfe von Euphemismen finden sich in der Vergangenheit zahlreiche, oft keineswegs harmlose Beispiele. “Der deutsche Nationalsozialismus war eine gewaltige, sehr bewusst durchstrukturierte Bewegung, die die modernen Formen der Massenpropaganda nutzte und sich dadurch enorme Vorteile verschaffte. Blickt man weiter zurück, stellt man aber fest, dass etwa die Inszenierung des deutschen Kaisertums 1870/71 sehr stark propagandistisch ausgerichtet war – man könnte die Herausbildung von Terminologien noch viel weiter zurückverfolgen.” Bedeutet eine bewusste Wortwahl stets Betrug und Manipulation? “Nein! Denn man kann sich dagegen wehren”, sagt Professor Konrad Ehlich. “Die Entwicklung von Euphemismen ist ein verständliches Interesse, das jedoch mit anderen kommunikativen Werten im Konflikt steht. Die Umbenennung findet also in einer Art Grauzone statt.” Dort entstehen teilweise originelle Wortspiele, die aus dicken Menschen “Vollschlanke” machen, den Vorgang des Schwitzens durch das feine Fremdwort “transpirieren” ersetzen und das Zähneputzen in “Mundpflege” verwandeln. Sigi Sommer schlug einmal vor, Bäckergesellen zum “Teiggestalter” oder “Brezeldesigner” zu befördern. Bedenklich wird das Sprachlifting im militärischen und politischen Bereich. Wenn Massenmorde als “ethnische Säuberungen” schöngeredet werden, Sozialabbau als “Reform” daherkommt und das Atommüll-Endlager zum “Entsorgungspark” aufgewertet wird. Für Menschen aus anderen Ländern, die zum Arbeiten nach Deutschland kamen, fand man zunächst das Wort Fremdarbeiter. Daraufhin wurden sie – je nach Bedarf und erwünschter Wirkung – Gastarbeiter, Migranten oder Zuwanderer. Ebenso leicht ist es, aus einem möglicherweise bedauernswerten “Flüchtling” einen eher verdächtigen “Asylanten” zu machen. Spröder Beamtenjargon, cooler Medien- und Werbeslang, anglizistischwichtigtuerisches Kauderwelsch von Unternehmensberatern und Managern: Einzelne gesellschaftliche Gruppen erschaffen sich eigene Sprachen. Auch im Sozialbereich existieren spezielle Ausprägungen. “Einerseits besteht dort immer die Tendenz, etwas zu dramatisieren und zu skandalisieren, andererseits wird viel verharmlost und vernebelt”, sagt Martin Henke, der seit 30 Jahren als Sozialarbeiter und Diplompädagoge tätig ist. “Im Sprachgebrauch von Kollegen und Sozialpolitikern gibt es diese beiden Extreme, die jeweils Schlupflöcher bieten, sich nicht mit der Wirklichkeit zu beschäftigen.” Ärgerlich sei etwa, dass teilweise der neue Betriebswirtschaftsslang übernommen werde und Obdachlose in Unterkünften als Gäste und Kunden bezeichnet würden. “Ein ganz wesentliches Merkmal des Kunden ist die Wahlfreiheit. Wer allerdings eine Obdachlosenunterkunft besucht, tut das,weil er eben nicht die Möglichkeit hat, ins Hilton oder in ein anderes Hotel zu gehen. Obdachlose haben die Wahl zwischen Bank, Brücke oder Obdachlosenasyl – Kunden sind sie nicht!”, meint Henke. Auf der anderen Seite missfällt dem Sozialexperten, wie Sozialpolitiker im Rahmen der Hartz-Gesetzgebung fortwährend von mangelndem Fleiß und niedriger Motivation von Arbeitslosen sprechen. Es sei doch klar, dass weniger Stellen als Arbeitslose vorhanden seien. “Warum sollen trotzdem in Sachsen- Anhalt, wo 36 Bewerber auf eine Stelle kommen, 35 stärker motiviert werden, die ohnehin nie den Job bekommen? Da wird mit der Wortwahl bewusst viel vernebelt.” Es sieht nicht so aus, als würden die Nebelmacher eine Pause einlegen. Günter Keil

Teamopfer

Mit einer systematischen Kommunikationsstörung demontieren Mobber die Persönlichkeit ihres Opfers. Meist trifft es langjährige Mitarbeiter

Früher hat sie viel gelacht, ist gern ausgegangen und töpferte in ihrer Freizeit buntes Geschirr. Sie träumte davon, es später einmal im eigenen Laden zu verkaufen. Doch jetzt ist das alles wie weggeblasen: ihre Kreativität, ihre Fröhlichkeit, ihr Selbstbewusstsein. Seit sechs Wochen ist Karin T. krankgeschrieben, zuerst vom Hausarzt, dann von ihrer Psychotherapeutin. “Wegen Depressionen” steht in der Krankmeldung. “Wegen Mobbing am Arbeitsplatz”, sagt Karin. Seit fünf Jahren arbeitet die 45-Jährige im öffentlichen Dienst. Das Arbeitsklima war bereits während der Probezeit schlecht. Dauernd habe ihr damaliger Chef sie vor Kunden und Mitarbeitern runtergeputzt, sich täglich demonstrativ ihre Stempelkarte ins Büro bringen lassen, um zu kontrollieren, ob die auswärts lebende, allein erziehende Mutter nicht vielleicht doch einmal zu spät in die Arbeit kam. Mit diesen Schikanen habe der Chef den Kollegen und Kolleginnen signalisiert, dass er nicht zu ihr steht, erzählt Karin. “Und dann haben die anderen gedacht, mit der kann man das machen.” Seitdem wurde ihr der Arbeitsplatz mehr und mehr zur Psychohölle. “In der Früh geht es schon los: Kaum jemand erwidert meinen Gruß. Was ich auch sage, höre ich die Kollegen im Hintergrund darüber lästern. Beleidigungen wie ,Negerschlampe‘ musste ich auch schon hinnehmen, weil ich mit einem Afrikaner verheiratet war. Ich kann einfach nichts mehr richtig machen.” Früher arbeitete Karin sehr engagiert, stieg zur Teamleiterin auf hat als solche einige positive Veränderungen eingeführt.Aber da seien immer ein paar im Team gewesen, die jede ihrer Anweisungen boykottiert hätten und neue Mitarbeiter auf ihre Seite zogen. Schließlich hätten die Mobber beim Betriebsrat ihre Versetzung beantragt. Mittlerweile hat Karin dreimal die Abteilung gewechselt. Das Problem Mobbing nahm sie mit. Die letzten Monate arbeitete sie, getrennt vom Rest des 20-köpfigen Teams, in einem anderen Raum, weil sie die Angriffe von zwei ihrer Kollegen nicht mehr ertragen konnte. Arbeit wird ihr kaum noch zugeteilt und wenn, dann nur unqualifizierte Tätigkeiten, die sie bei weitem nicht ausfüllen. Vor sechs Wochen brach sie schließlich psychisch zusammen, bekam Rücken- und Ohrenschmerzen, hat fast nichts mehr gegessen und getrunken. Karin: “Die Mobber haben systematisch an der Demontage meiner Person gearbeitet, und die übrigen Kollegen haben tatenlos zugesehen.” Oft sind es nur kleine abfällige Gesten, mit denen einem Mitarbeiter das Arbeitsleben zur Qual gemacht wird: nicht erwidertes Grüßen, dauerndes Unterbrechen, Ignorieren, Sticheln.Unerträglich werden diese subtilen Gemeinheiten vor allem dadurch, dass sie nicht mehr aufhören. Täglich ist das Opfer dem Psychoterror ausgesetzt. Anfangs finden die Betroffenen häufig selbst Entschuldigungen für das Verhalten ihrer Kollegen oder Vorgesetzten, weiß die Sozialpädagogin Christine Koller, die seit vielen Jahren ehrenamtlich in der Mobbing-Beratung arbeitet.Wenn zum Beispiel vier Mitglieder eines Teams die Fünfte nicht mehr grüßen, zweifelt diese an ihrer Wahrnehmung, redet sich ein, sie sei zu empfindlich, und wenn sich die Situation dann für ein paar Tage wieder entspannt, glaubt sie selbst nicht mehr an das Problem. Die ersten Signale von Mobbing werden meistens übersehen und genau genommen spricht man von Mobbing auch erst, wenn die Angriffe sehr oft und über einen längeren Zeitraum vorkommen. Nicht jeder Konflikt am Arbeitsplatz ist Mobbing und nicht jeder persönliche Angriff, so unangemessen er auch sein mag, ist der Beginn von Mobbing. Wenn sich jedoch ein Konflikt in der Arbeit verfestigt, sei es auf jeden Fall gut, so früh wie möglich entgegenzuwirken, sagt der Psychologe Ludwig Gunkel, der 1993 die Mobbing-Beratung München mitgegründet hat und seitdem Mobbing- Opfer und Betriebe berät. Die meisten Menschen, die am Arbeitsplatz unfairen Angriffen von Kollegen oder Vorgesetzten ausgesetzt sind, würden viel zu lange warten, bevor sie aktiv würden, weil sie nicht wüssten, wie sie sich wehren sollten, wie sie sagen sollten, was ihnen nicht passt. “In der Beratung beklagen die Leute oft, dass sie nicht spontan genug seien, um in der konkreten Situation reagieren zu können. Dabei wissen sie eigentlich ziemlich genau, was kommt, schließlich laufen die Attacken gewöhnlich schon über längere Zeit. Die Opfer wissen nur nicht, wann das nächste Mal sein wird, ob heute oder morgen oder nächste Woche.” Gunkel empfiehlt Mobbing-Geplagten deshalb, sich in Ruhe auszuarbeiten, wie sie reagieren möchten, wenn die gefürchtete Situation wieder eintritt, und schlägt vor, die Szene nach Möglichkeit mit einer vertrauten Person durchzuspielen. Auch wenn das Gespräch dann wahrscheinlich nicht genau so ablaufen wird, wie vorher eingeübt, könne man sich vorbereitet trotzdem passender, ruhiger und klarer ausdrücken. Im Anfangsstadium genüge es manchmal schon, dem “Angreifer” zu zeigen, dass man seine Gemeinheiten durchaus bemerkt und sich nicht scheut, das Thema anzusprechen. Dabei sei es wichtig, zunächst konkret und sachlich zu beschreiben, was man wahrnimmt, und dann zu erklären, wie das auf einen wirkt und was man geändert haben möchte, rät Gunkel. Dem Kollegen, Typ Stimmungskanone, der im Beisein der blonden Kollegin immer wieder diskriminierende Blondinenwitze erzählt, könnte diese etwa folgendermaßen entgegnen: “Immer wenn ich dabei bin, erzählst du nur Blondinenwitze. Das gefällt mir nicht, ich finde das diskriminierend. Erzähl doch mal andere Witze!” Lasse das Opfer dagegen die Attacken über sich ergehen, ohne ihnen zu entgegnen, gebe es den anderen den Raum, die Beziehung zu gestalten – und öffnet dem Mobbing Tür und Tor. Wenn der Versuch fehlschlägt, das Thema direkt mit der Person zu lösen, mit der man das Problem hat, solle man einen Vorgesetzten, jemanden vom Betriebsrat, vom Personalrat, vom sozialen Dienst oder der Gleichstellungsstelle hinzuziehen und ein gemeinsames Gespräch mit allen Beteiligten in die Wege leiten, rät Christine Koller. “Am besten, das Gespräch wird in einem Protokoll festgehalten und man vereinbart gleich einen weiteren Termin, um zu verfolgen, ob die angestrebten Verbesserungen eingetreten sind.” Nicht selten scheint Mobbing allerdings richtiggehend System zu haben. Die Mitarbeiter der Mobbing-Beratung beobachten, dass besonders häufig Arbeitnehmer ab 50 Jahren betroffen sind, die gute Arbeitsverträge, hohe Gehälter und lange Kündigungsfristen haben. Bei der schlechten Wirtschaftslage, vermutet Christine Koller, bringe man solche Angestellten durch permanente Überforderung, fehlende Arbeitsmittel oder Psychoterror so weit, dass sie freiwillig gehen. Manchmal ist das der eigenen Gesundheit zuliebe vielleicht sogar die einzige Lösung. “Es macht keinen Sinn, mit allen Mitteln gegen ungerechtfertigte Abmahnungen und Kündigungen zu kämpfen, wenn die Arbeitsbedingungen längst unerträglich geworden sind.” So eine Entscheidung sollte man aber nur nach gründlicher Abwägung, professioneller Beratung und Verhandlungen mit dem Arbeitgeber treffen und keinesfalls überstürzen. Abstand von der belastenden Situation zu gewinnen ist überhaupt eines der wichtigsten Ziele, das Christine Koller den Hilfesuchenden in der Mobbing-Beratung vermitteln möchte. “Denn Mobbing- Opfer beschäftigen sich 24 Stunden am Tag mit der belastenden Arbeitssituation. Das macht krank.” Der Betroffene müsste trainieren, sich wieder zu entspannen, zumindest eine halbe Stunde am Tag sollte er sich mit Sport, einem Hobby oder mit Freunden beschäftigen und während dieser Zeit die Arbeit vergessen. Erleichternd kann es auch sein, ab und zu mit anderen Mobbing-Geplagten zu sprechen. Karin hat auf Anraten ihrer Krankenkasse kürzlich das erste Mal beim “Treffpunkt” der Mobbing-Beratung München teilgenommen, der jeden zweiten Dienstag in der Schwanthaler Straße 91 stattfindet. Zwar hat sie während der zwei Stunden kein Wort gesagt, doch allein zu sehen, dass noch zehn Teilnehmer Ähnliches durchmachen und offen darüber sprechen, hat ihr gut getan. In der Familie wolle ja doch keiner mehr etwas davon hören, und wer Mobbing nicht selbst erlebt hat, schiebe den schwarzen Peter letztlich immer dem Opfer zu, ist Karins Erfahrung. Deshalb wird sie weiterhin zum “Treffpunkt Mobbing” kommen und irgendwann auch ihre Geschichte erzählen. Denn sie will das Thema für sich klären und herausfinden, wie und warum es so gekommen ist. Unterstützt wird sie dabei von ihrer auf Mobbing spezialisierten Psychotherapeutin. In Kürze kann Karin höchstwahrscheinlich in einer anderen Dienststelle anfangen. Für den Neubeginn will sie gesund und positiv eingestellt sein, denn wenn man sich von vornherein schwach fühlt und hoch sensibilisiert für zwischenmenschliche Konflikte am Arbeitsplatz ist, besteht die Gefahr, dass man Mobbing auch in der nächsten Arbeitsstelle geradezu anziehen wird.
Simone Kayser

Hilfe bei Mobbing
Mobbing-Telefon der Mobbing-Beratung
München: 60 60 00 70
Telefonzeiten: Dienstag 15 Uhr bis 18 Uhr, Donnerstag 9 Uhr bis 12 Uhr.
Einzelberatung, Vorträge und Workshops in Betrieben möglich. (Terminvereinbarung über das Mobbing- Telefon.)
Treffpunkt Mobbing: offene Gruppe für Mobbing-Opfer. Treffen immer am ersten und dritten Dienstag des Monats um 18.30 Uhr im Veranstaltungsraum des KDA (Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt), Schwanthaler Straße 91/EG. Am letzten Mittwoch im Monat um 18.30 Uhr im SaniPlus Gesundheitszentrum am PEP (Perlach Einkaufszentrum), Charles de Gaulle-Straße 6. Unter der Leitung von Margarete Szpilok, Ludwig Gunkel oder Christine Koller.
Selbsthilfegruppe No Mobbing: Telefon 89 42 93 06 (Mittwoch 16 Uhr bis 19 Uhr). Informationen und Beratung auch bei Krankenkassen und Gewerkschaften.

Gleiche Signale

Erkennt man psychische Problem nicht, reagiert der Körper. Und es wird schwierig, die Symptome richtig einzuordnen

Pocken verursachen Pusteln auf der Haut, die jucken. Ein Fahrradsturz hinterlässt blutende Wunden, die wehtun. Allgemein sendet der Körper bei einer Funktionsstörung, sei es eine Verletzung, Entzündung oder Infektion, Signale aus, die darauf hinweisen, dass etwas nicht stimmt. Diese sind unter anderem Fieber, Unwohlsein, Zittern, Schweißausbrüche und vor allem Schmerzen verschiedenster Art: brennend, ziehend, pochend, stechend. Oft spielen auch seelische Belastungen und Niedergeschlagenheit eine Rolle. All diese Symptome sind ein lebenswichtiger Schutz, sonst würden Erkrankungen unbemerkt und somit unbehandelt bleiben. Doch ein natürlicher Umgang mit diesen Alarmsignalen wird uns in der Kindheit selten vermittelt. “Was machen wir,wenn wir uns als kleine Kinder verletzen oder traurig sind? Wir weinen, weil uns für die Gefühle noch die Worte fehlen”, sagt Psychotherapeutin Dr. Elfi Fuchs. Bald aber kommt von den Eltern der wohl tröstend gemeinte Hinweis, dass “ein Indianer keinen Schmerz kennt” oder die entnervte Zurechtweisung, dass man sich eben “nicht so haben” soll, wenn etwas zwickt. Kinder selbst wollen auf dem Schulhof auch nicht als “Heulsuse” oder “Warmduscher” gehänselt werden. Spätestens mit dem Eintritt ins Berufsleben funktioniert bei vielen Menschen der Unterdrückungsmechanismus perfekt. “Wer sich mehr Zeit für sich selbst nimmt und einen Gang zurückschaltet, gilt schnell als nicht belastbar oder überfordert”, so der AOK Bundesverband.Vor allem Männer schenkten Körpersignalen weniger Beachtung als Frauen. Die Angst, den Job zu verlieren, plagt jedoch beide Geschlechter gleichermaßen. Im Jahr 2004 sank der Krankenstand in Deutschland laut Bundesgesundheitsministerium auf 3,4 Prozent und damit auf das niedrigste Niveau seit Einführung der Lohnfortzahlung im Jahr 1970. Nicht nur die Angst um den Job hält vom Arztbesuch ab. “Es gibt Menschen, die niemandem zur Last fallen wollen. Manchmal ist es aber einfach Bequemlichkeit oder Unwissenheit. Die Medizin ist schließlich ein kompliziertes Feld”, sagt Dr. Holger Winkel. Aus Sicht des Internisten gilt der Bluthochdruck als eine der am meisten unterschätzten Krankheiten. “Das Problem ist, dass die Menschen zunächst oft gar nicht merken, dass sie einen zu hohen Blutdruck haben. Im Gegenteil, sie fühlen sich fit.” Denn Beschwerden treten vorerst kaum auf. Eine eventuelle Unruhe wird im Zweifelsfall sogar als besondere Regsamkeit gewertet. Unbemerkt bleibt jedoch, dass das Herz immer kräftiger pumpen muss, um das Blut durch den Körper zu befördern. “Das ist wie ein Trainingseffekt für den Herzmuskel, der dabei immer dicker und steifer wird. Er muss aber dehnbar sein für seine Pumptätigkeit”, erklärt Dr. Holger Winkel. Häufige Folge: Herzrhythmusstörungen bis hin zum Infarkt oder Schlaganfall. Nach Angaben des Bundesamts für Statistik war im Jahre 2003 etwa jeder zweite Todesfall auf eine Erkrankung des Herz-Kreislauf-Systems zurückzuführen. Anzeichen wie mangelhafte Belastbarkeit, Nervosität oder spürbar kräftiger Puls sollten also ernst genommen werden, regelmäßiges Blutdruckmessen beim Arzt wäre sinnvoll. Die Ursachen für Bluthochdruck können vielfältig sein. So erschwert Fettleibigkeit die Herzleistung ebenso wie Nikotin. Zudem gibt es auch psychische Faktoren. Nach Einschätzung der Deutschen BKK werden Herz-Kreislauf-Probleme, Schlafstörungen und Nervosität immer häufiger beispielsweise mit Depressionen in Verbindung gebracht. Auch Schmerzen haben nicht immer nur eine körperliche Ursache.”Psychische Verletzungen können ebenso körperlichen Schmerz verursachen, wenn sie nicht bewältigt werden”, erklärt Elfi Fuchs. Im Normalfall reagiert man auf große Probleme mit sozialem Rückzug, Sucht und Depression oder man sucht sich einen Sündenbock, auf den man sein Problem schieben kann. Obwohl laut BKK mittlerweile die vierthäufigste Ursache für Fehltage in Betrieben, werden psychische Leiden nach wie vor tabuisiert. Gründe dafür sind Angst vor Missbilligungen aus dem Umfeld und die Furcht vor der Konfrontation mit dem Problem. “Häufig liegt die Wurzel in der Kindheit, zum Beispiel in einer Vernachlässigung oder Zurücksetzung durch die Eltern. Dieser Mangel kann kompensiert werden, bis ein Auslöser – etwa die Trennung vom Partner – das seelische Gleichgewicht zerstört.” Weil das gleiche schmerzhafte Gefühl der Vernachlässigung oder der Zurücksetzung durchbricht. Langfristig hilft nur Mut zur Selbstreflexion weiter. “Viele Patienten mit psychosomatischen Beschwerden sind sehr auf eine körperliche Krankheitserklärung fixiert.Wir Menschen geben den Dingen eben gern einen Namen.” Dabei könnte künftig die Neurobiologie helfen, denn sie macht dank moderner Technik in der Messbarkeit seelischer Beschwerden deutliche Fortschritte. “Es gibt neue Erkenntnisse, dass die Regelkreise im Gehirn, die einen körperlichen Schmerz weiterleiten, die gleichen sind, in welchen auch seelische Schmerzen weitergeleitet werden. Warum der eine Patient seelischen Schmerz erkennen kann und der andere nur über seinen Körper Störungen bemerkt, weiß man noch nicht. Doch es ist anzunehmen, dass das mit dem Einfühlungsvermögen in sich und damit in andere zu tun hat”, so Elfi Fuchs. Schwerer zu erkennen sind Erkrankungen, die zunächst einmal ein gesellschaftliches Idealbild fördern.Ein Beispiel hierfür sind Essstörungen. “Bei der Bulimie werden die Signale nicht unbedingt als zu einer Krankheit gehörend interpretiert. Die Frauen sehen ja oft gut aus, zumindest anfangs.” Sie sind eben “schön schlank” und entsprechen dem gängigen Schönheitsideal. Dabei spiegelt sich gerade in der Bulimie wider, wie fremdbestimmt die Patienten sind und wie sehr sie sich abmühen, den gesellschaftlichen Erwartungen zu genügen. “Zum einen gibt es das Gefühl eines Mangels, also etwas Wichtiges nicht zu bekommen, sonst müsste man nicht gierig etwas in sich hineinstopfen. Auf der anderen Seite kommt zum Ausdruck, dass man etwas loswerden will. Bis die seelischen Hintergründe verstanden werden, muss der Körper herhalten.” Die Hungerattacke kommt und anschließend erbricht man die gerade verschlungene Mahlzeit, um nicht zuzunehmen. Auch Rückenschmerzen gehören zu den gängigen Leiden unserer Zeit. Nach Angaben des Deutschen Grünen Kreuzes leidet in Deutschland jeder dritte an Rückenschmerzen. Zu wenig Bewegung in der Freizeit und einseitige Belastung in der Arbeit, speziell bei Bürotätigkeiten, sind hier genauso ursächlich wie Stress. Die beste Vorbeugung sind Rückenübungen und eine gute Haltung. “Aufklärung tut Not”, so Internist Holger Winkel. Und Elfi Fuchs gibt zu bedenken: “Wir Menschen betreiben ausgedehnte Körperhygiene. Wenn wir nur genauso viel Zeit für Psychohygiene verwenden würden, dann würden manche Symptome gar nicht erst auftreten.”

Anuschka Schmid