Der Weg aus dem Dilemma

Mit Kultur versüßen wir uns die Arbeit unserer Zivilisierung. Und Bildung hilft uns, uns in einer kulturell gestalteten Welt zurechtzufinden

Zivilisation ist die Arbeit der Menschen an der Angst vor der Natur“, sagt Professor Dr. Harm Kuper, Erziehungswissenschaftler an der Bergischen Universität Wuppertal, Fachbereich Bildungswissenschaften. Für ihn liegt der Ursprung der Zivilisation darin, dass der Mensch sich die Natur untertan und zunutze machen muss. Dem Steinzeitmenschen stellte sich die Natur als Bedrohung, aber auch als Quelle dar. Er hatte Angst vor wilden Tieren und Naturkatastrophen, doch die Natur gab ihm alles auch Nötige zum Überleben.Um die Natur zu nutzen und sich gleichzeitig vor ihr zu schützen, musste der Mensch arbeiten: „Hier liegt der Ursprung der Zivilisation“, erklärt Professor Harm Kuper. Durch Arbeit und Erfahrung; mit Technik und Wissenschaft konnten sich im Laufe der Zeit viele Gesellschaften ein sicheres Leben in einer feindlichen Umwelt schaffen. Die Arbeit an der Natur verlangt Disziplin. Der Mensch kann nicht jedem Impuls sofort nachgeben. Denn damit würde er riskieren, die Kontrolle über die Natur zu verlieren.Auch muss er mit Artgenossen zusammenarbeiten können. Er muss Regeln akzeptieren, die ihn einschränken: „Der Preis für die gebannte Angst ist das Auferlegen eines Selbstzwangs. Das Einhalten von Regeln und der Aufschub der eigenen Lustgefühle konfrontieren den Menschen fortwährend mit seinen spontanen Regungen und seinen Trieben. Für zivilisierte Menschen liegt die Bedrohung daher nicht mehr in einer unkontrollierbaren Außenwelt, sondern sie kommt von innen“, so Professor Kuper. Zivilisation ermöglicht also, grundlegende Bedürfnisse wie Hunger und Schlaf in einem geschützten Raum zu befriedigen. Andererseits hemmt sie den Menschen, innere und spontane Wünsche auszuleben. „Aus diesem Dilemma entsteht Kultur“, erklärt der Wissenschaftler. Mit der Kultur gibt der Mensch den von ihm geschaffenen Dingen einen höheren Wert. Er stattet beispielsweise seine Behausung mit dem aus, was er als schön erachtet. „Der kultivierte Mensch verfügt über Formen der Tätigkeit, mit denen er seine Triebe und Impulse werthaft erhöht, um schöpferische Freude zu empfinden“, sagt Harm Kuper. Kultur ist also ein Mittel, um die Arbeit an der Zivilisation aufzuwerten. Ebenso können durch Kultur verträglichere Formen des Umgangs der Menschen miteinander gefunden werden. „Dadurch wird ein sehr differenziertes Gefüge des Zusammenlebens geschaffen. In diesem Gefüge gründet die Idee der Bildung“, so Professor Kuper und fügt hinzu: „Die Bildung beschreibt das Verhältnis einzelner Menschen zur kulturell gestalteten Welt.“ Bildung beinhaltet demzufolge das Angebot, an dieser Welt teilzuhaben, und befähigt zudem, an ihrer Gestaltung mitzuwirken. „Durch Bildung erarbeiten sich Menschen eine geistige Heimat in der kulturellen Welt“, sagt Harm Kuper. Dennoch bedeutet Bildung nicht, dass durch sie das spannungsreiche Verhältnis des Menschen zur Natur und zu seinen inneren impulsiven und triebhaften Wünschen ausgeglichener würde. Vielmehr können Bildungsideale und kulturelle Werte Ungleichheiten schaffen. Denn Menschen unterscheiden sich durch Bildung. Damit ist zum einen der Schulabschluss gemeint, zum anderen aber auch die Fähigkeit, sich mit den verschiedenen Kulturgütern zu beschäftigen. Auf ganz unterschiedliche Weise kommen Menschen mit ganz verschiedenen kulturellen Formen in Berührung und haben in unterschiedlichster Weise Gelegenheit, sich daran zu beteiligen. Deshalb kann Bildung auch ausgrenzend wirken. „In sehr weit entwickelten Zivilisationen und Kulturen entstehen durch die abgrenzenden Wirkungen von Kultur und Bildung hohe Risiken der Ausgrenzung einzelner Personen“, gibt Professor Kuper zu bedenken. „Obdachlosigkeit etwa ist eine Form der Ausgrenzung, bei der Einzelne den Schutz der Zivilisation verlieren. Die Möglichkeiten, sich an Kultur zu beteiligen, werden reduziert. Die Bedrohungen und Ängste, die eine unzivilisierte Welt, also ein unbehüteter Lebensraum hervorrufen, werden wieder zur Quelle alltäglichen Leidens.“ Professor Kuper ist der Meinung, dass Bildung die Aufgabe hat, Ausschluss zu vermeiden und „Räume der respektvollen Begegnung zu schaffen“ und diese so flexibel zu gestalten, dass jeder Einzelne in ihnen einen Platz finden kann.

Dorothea Büchele

Die Arbeit an der Natur verlangt Disziplin. Für zivilisierte Menschen liegt die Bedrohung daher nicht mehr in einer unkontrollierbaren Außenwelt, sondern sie kommt von innen

„Immer in Bewegung und immer in Gefahr“

Ein Gespräch mit Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), über Zivilisation – was sie ausmacht und was sie gefährdet

Wie definieren Sie Zivilisation?
Thomas Krüger: Ich würde solche Gesellschaften als zivilisiert bezeichnen, die in der Lage sind, Konflikte gewaltfrei beziehungsweise gewaltarm zu lösen. Dazu gehört auch,Verständigung zwischen Generationen und Milieus anzustreben. So etwas funktioniert natürlich nicht von heute auf morgen. Zivilisation – das zeigt die Geschichte Europas – ist ein lang anhaltender Prozess politischer Bildung.

Zivilisation ist also lebendig und nie abgeschlossen?
Krüger: Zivilisation ist immer in Bewegung. Ihre Grundlagen müssen in der Demokratie ständig verhandelt werden. Und: Sie ist immer in Gefahr.Deutschland zwischen 1933 und 1945 ist ein schreckliches, aber lehrreiches Beispiel.

Gäbe es ohne Zivilisation noch Traditionen wie das Faustrecht beziehungsweise das Recht des Stärkeren?
Krüger: Davon kann man ausgehen. Genauso definiert sich Zivilisation: als Überwindung von „barbarischen“ Traditionen wie Faustrecht, das Recht des Stärkeren, Blutrache, Selbstjustiz und Ähnliches.

Welche konkreten Vor- und Nachteile haben Bürger einer zivilisierten Gesellschaft?
Krüger: Jede Menge Vorteile wie das Recht auf freie Meinungsäußerung. Oder – in westlichen Gesellschaften – das Recht auf sexuelle Freiheit und Selbstbestimmung, auf freie Partnerwahl. Dass ich mir aussuchen kann, ob ich heterooder homosexuell leben und lieben will. Dass Paare zum Beispiel Sex vor der Ehe haben können, ohne dafür von Familienmitgliedern mit Gewalt oder sogar Tod bestraft zu werden. Oder das Recht, wildeste und absurdeste Geschichten im Kino zu sehen oder zu lesen.Nachteile haben zum Beispiel Mörder und Vergewaltiger – die müssen in den Knast.

Ist es eine Errungenschaft der Zivilisation, dass alle Bürger – zumindest theoretisch – vor dem Gesetz gleich sind?
Krüger: Es ist eine „Errungenschaft der Zivilisation“, dass Gleichheit vor dem Gesetz für alle durchgesetzt worden ist. Der Gedanke selbst ist älter als die Zivilisationstheorien. Er stammt aus den antiken Systemen der Griechen und Römer, die zwar Sklaven hatten und leider auch Frauen als „Nicht-Bürgerinnen“ sahen, aber dennoch der Auffassung waren, dass alle „Vollbürger“ gleich sein müssten, wenn ein System gerecht sein sollte.

Schränkt Zivilisation manchmal auch die freie Entscheidung der Bürger ein?
Krüger: Um Gottes Willen! Sie muss sie ermöglichen. Bürgerinnen und Bürger gewinnen im Prozess selbst gestalteter Zivilisation das Maximum an denkbarer Freiheit: Aber die freie Entscheidung hat implizite Grenzen (Grenzen sind inbegriffen, Anm. d. Red.). Wer es als freie Entscheidung betrachten will, seinen Nachbarn totzuschlagen, setzt Zivilisation außer Kraft und verwirkt seine Freiheit.

Wer legt fest, was grundsätzlich unter Zivilisation zu verstehen ist?
Krüger: Das lässt sich nicht „festlegen“, sondern ist ein ständiger Diskurs- und Konfliktvorgang. Nehmen wir das Thema Zuwanderung als Beispiel. Sehr „moralische“ Minderheiten sehen das derzeitige Zuwanderungsgesetz als eine eher barbarische Abgrenzungs- und Abwehrmaschinerie – die anderen sehen die Bedürfnisse der so genannten Mehrheitsgesellschaft in unzulässiger Weise eingeschränkt. Beide nehmen einen Zivilisationsbegriff in Anspruch. Letztendlich maßgeblich ist in einer Demokratie die Mehrheitsmeinung.

Kann eine Zivilisation rein theoretisch entwickelt und anschließend erfolgreich der Bevölkerung „verordnet“ werden?
Krüger: Zivilisation kann nie als reine Theorie bestehen. Ich kann mir nur praktische Zivilisation vorstellen, mehr oder weniger ausgeprägt, als einen dynamischen Prozess, der niemals endet. Man kann einer Bevölkerung Zivilisation nicht verordnen. Sie muss sie zumindest als Lernprozess akzeptieren und zu ihrer eigenen Sache machen. So wie das nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland geschehen ist, als die Alliierten der Bevölkerung „Reeducation“ angedeihen ließen. Nach der nationalsozialistischen Diktatur bekamen die Deutschen „Nachhilfe“ in Demokratie – vor diesem Hintergrund entstand auch die Bundeszentrale für politische Bildung. Gestaltet und mit Leben erfüllt wurden die demokratischen Werte aber von den Menschen im Nachkriegsdeutschland selbst. Zivilisation ist ein kollektiver Prozess von Aufklärung, Demokratie, Menschenrechten und intelligentem Gruppenverhalten, um besser zu überleben.

Von welchen Faktoren wird Zivilisation beeinflusst?
Krüger: Zivilisation basiert auf einer „Gruppenklugheit“ von Gesellschaft. Das heißt, ihre Mitglieder müssen es als Vorteil begreifen, Konflikte so zu lösen, dass den jeweiligen Partnern Handlungsalternativen bleiben. Wenn Sie so wollen, ist das ein Vorgehen nach Kants kategorischem Imperativ: Die Maxime des eigenen Handelns muss auch als Grundlage eines allgemeingültigen Gesetzes bestehen können. Dem stehen natürlich unterschiedliche individuelle Interessen, religiöse Abgrenzungen, Besitzstände und so weiter entgegen, die rivalisierende Gruppen durchsetzen wollen. Zivilisation als Haltung einer entwickelten Zivilgesellschaft – diese Definition stammt aus der Aufklärung und hat für mich heute noch Gültigkeit .

Wie wichtig ist Zivilisation für eine Gesellschaft? Was passiert ohne ihre Existenz?
Krüger: Überlebenswichtig! Ohne Zivilisation prallen Gegensätze so aufeinander, dass sie durch Krieg, Blutrache, Genozide, Religionskriege vermeintlich „gelöst“ – in Wirklichkeit aber nur vertagt und verlängert werden.

Welche Organe des Staates sorgen für die Erhaltung der Zivilisation?
Krüger: Öffentliche Institutionen wie Polizei und Gerichte, aber auch Schulen, Kirchen, Kultureinrichtungen und die bpb. Erstere durch Sanktionen, Letztere durch Wissensvermittlung und Diskussionen.

Reichen Gesetze, Paragraphen und Sanktionen aus, um eine Zivilisation zu erhalten?
Krüger: Nein, sie beschreiben nur einen Rahmen. Der Erhalt der Zivilisation kann nur durch die Gesellschaft selbst organisiert werden. Eine Gesellschaft, die ihre zivilisatorischen Konsense nicht mehr will, wird sich auf Dauer auch anders organisieren, weil dann früher oder später auch ihre Institutionen einem Wandel unterworfen werden, die die Konsense eigentlich sichern und ausbauen sollten. Gesetze sind also notwendig, um Zivilisation zu erhalten und zu entwickeln, aber nicht ausreichend. Ohne zivilisatorische „Selbstzügelung“ der Beteiligten funktioniert es nicht. Diese zu erreichen wird immer Aufgabe von Bildung und Erziehung sein.

Erfordert eine Zivilisation stets auch das Vertrauen der Bürger?
Krüger: Zivilisation verlangt das aktive Mittun und Mitgestalten mündiger Bürgerinnen und Bürger. Aber Vertrauen – das halte ich für ein falsches Wort in diesem Zusammenhang. Denn wenn Zivilisation sich weiterentwickeln soll, dann darf eigentlich nie das Gefühl aufkommen, dass man fertig ist und sich im Vertrauen auf die gefundenen Regeln zurücklehnen darf.

Muss aber nicht zumindest Vertrauen in Gesetzgebung, Polizei und Justiz bestehen, damit nicht die Selbstjustiz zurückkehrt?
Krüger: Lassen Sie uns ein Missverständnis aus dem Weg räumen: Auch in der Zivilisation wird regiert, der Staat und seine Organe können legale, also gesetzliche Gewalt anwenden, wenn das notwendig ist. Selbstjustiz ist verboten – wenn jemand so etwas versucht, schreiten Polizei und Justiz ein, ob nun mit Vertrauen der Betroffenen oder ohne.Wenn die gegenseitigen Verhältnisse durch gute und wirklichkeitsnahe Gesetze vernünftig und Erfolg versprechend geregelt sind, dann kann sich der Bürger, die Bürgerin in weitgehendem Maße auf dieses System verlassen. Ein solches Grundvertrauen ist also dann wirklich „begründet“, wenn ich mich als Bürger eines Staates grundsätzlich auf vernünftige Gesetze verlassen kann, statt staatlicher Willkür oder der Gewalt anderer Menschen ausgeliefert zu sein. Dieses Grundvertrauen muss sich der Staat aber, wenn Sie so wollen, „verdienen“, und zwar immer wieder neu. Und neben dem Vertrauen ist auch ein gewisses Maß an Misstrauen notwendig, denn Macht bleibt nicht von sich aus gebändigt. Vertrauen ist gut, aber Kontrolle ist eben besser. Das ist eine ständige Bewegung, in der die Gesellschaft immer „dran bleiben“ muss.

Was tut der Staat, um die Bevölkerung von den positiven Seiten der Zivilisation zu überzeugen?
Krüger: Der Staat garantiert bestimmte Leistungen, schafft verbindliche Regeln und Sanktionsmechanismen, er reguliert Gegensätzliches und Konflikthaftes. Insofern schafft er erst einmal eine verlässliche Grundlage. Aber: Er hat auch Verselbstständigungstendenzen, die immer wieder von einer kreativen Zivilgesellschaft begrenzt werden müssen. Deshalb ist politische Bildung so wichtig, weil sie Bürgerinnen und Bürger zur aktiven Teilhabe befähigt. Und damit auch zur Kontrolle des Staates.

Ist Zivilisation nur in einer „gebildeten“ Gesellschaft möglich?
Krüger: Ja, aber was Bildung ist, ist eine Frage der Definition. Es gibt Gesellschaften, die auf den ersten Blick unterentwickelt sind, arm sind, aber über ein hohes Maß an ziviler Klugheit verfügen. Wissen ist sehr relativ und kulturell divers. Deshalb muss man mit der Begriffszuweisung vorsichtig sein.

Gibt es Abstufungen vom Begriff Zivilisation, je nachdem, welche politischen oder kulturellen Rahmenbedingungen vorhanden sind?
Krüger: Ich würde das Wort Abstufungen vermeiden. Es gibt Differenzierungen,Verschiebungen, Unterschiede. Aber es gibt auch universale Aspekte wie die Menschenrechte. Der Streit darum wird im so genannten Universalismusstreit im europäischen Abendland seit dem Mittelalter ausgetragen. Auch während der Aufklärung oder in der gegenwärtigen Philosophie wird darüber noch diskutiert. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte, das haben schon die Scholastiker wie Thomas von Aquin erkannt. Es gibt universalia – also weltweit und unbegrenzt Geltendes. Es gibt aber auch realia – also Unterschiedliches – Klima, Sprache, Kultur, Sitten und Gebräuche. Das zu vereinbaren ist die Aufgabe einer globalen Zivilisation!

Ist Zivilisation möglicherweise ein Luxus, den sich nur reiche Länder leisten können?
Krüger: Nein, Zivilisation ist auf den unterschiedlichsten ökonomischen Niveaus möglich. Dafür gibt es jede Menge Beispiele schon in so genannten Naturvölkern oder „naiven“ Gesellschaften, die ihre Zivilisierung ausprägen.

Kritische Bürger behaupten, es gelte mittlerweile das Recht des Reicheren. Besteht die Gefahr einer solchen Entwicklung?
Krüger: Es ist wie bei der Frage nach dem Vertrauen in die Staatsgewalt. Ein gesundes Maß an Misstrauen, eine kritische Grundhaltung, aktive Loyalität zeichnet den Bürger eines zivilisierten Staates aus. Wenn jemand den Eindruck hat, dass die Gleichheit verletzt wird, dann muss er das offen sagen und sich dafür einsetzen, dass da korrigiert wird. Die Gefahr einer schleichenden Veränderung ist immer da – aber in einer zivilisierten Gesellschaft gibt es erprobte Wege, solchen Entwicklungen entgegenzuwirken. Einer Regierung steht es beispielsweise immer frei, für gerechte Verhältnisse zu sorgen.

Wird man in 100 Jahren eine ganz andere Vorstellung von Zivilisation haben als heute?
Krüger: Mit Sicherheit. Zivilisation ist eine Verabredung auf Zeit und im Prozess. Sie ist aufkündbar und entwickelbar. Sie baut auf eine Gruppenklugheit und gibt sich Regeln und Institutionen. Zivilisation entwickelt sich. Oder sie versinkt in den Strudeln von Dummheit und Gewalt.

Das Gespräch führte Günter Keil

Zur Person
Thomas Krüger, geboren 1959, leitet seit fünf Jahren die Bundeszentrale für politische Bildung. Er studierte Theologie, war unter anderem als Vikar tätig und begann seine politische Karriere als Gründungsmitglied der SPD in der DDR. Weitere Stationen: Erster Stellvertreter des Oberbürgermeisters in Ostberlin, Stadtrat, Senator für Jugend und Familie in Berlin, Mitglied des Deutschen Bundestages. Thomas Krüger ist zudem Präsident des Deutschen Kinderhilfswerkes, Mitglied in der Kommission für Jugendmedienschutz und des Kuratoriums für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Die Mitglieder müssen es als Vorteil begreifen, Konflikte gewaltfrei zu lösen

Nach der nationalsozialistischen Diktatur gab es „Nachhilfe“ in Demokratie. Mit Leben erfüllt wurden die demokratischen Werte aber von den Menschen im Nachkriegsdeutschland selbst

„Es lohnt sich nicht, immerfort auf den Trieb zu beharren“

Ein Interview mit dem Sozialpsychologen Dr. Joachim Hohl über die menschliche Fähigkeit zur Selbstkontrolle

Ist der Mensch ein Triebwesen?
Dr. Joachim Hohl: Diese Frage wurde von der Wissenschaft noch nicht abschließend geklärt. Sie wird sicher auch nicht so bald abschließend geklärt werden können. Denn es kommt darauf an, welches Weltbild den jeweiligen Ausführungen zugrunde liegt. In einem biologistischen Weltbild ist der Mensch ein triebbestimmtes Wesen. Menschliches Verhalten und menschliches Erleben werden sozusagen auf biologische Gegebenheiten reduziert. In einem sozialwissenschaftlichen Modell wird der Mensch als Wesen gesehen, das durch Erziehung geformt, gesellschaftlich und kulturell bestimmt ist. Beide Male werden gesellschaftliches Erleben und Verhalten im jeweiligen Modell interpretiert. Beide sind schlüssig, und deswegen ist es so schwer zu klären, ob der Mensch ein Triebwesen ist oder nicht. Meine Position dazu: Der Triebbegriff kommt aus der Biologie und besagt, dass menschliches Verhalten motiviert ist durch letztlich biologisch bestimmte Abläufe, beispielsweise hormoneller Art, die dann wieder genetisch bedingt sind und so fort.Der Punkt ist aber: Die Frage nach den Trieben ist die Frage nach dem Sexual- und dem Aggressionstrieb – ist die Aggression triebbestimmt oder nicht? Mein erstes Argument dagegen ist die kulturelle Relativität der Verhaltensweisen. Es ist unglaublich, wie unterschiedlich in den einzelnen Kulturen Aggressivität ausgelebt wird.Mein zweites Argument dagegen ist die Formbarkeit der sexuellen und aggressiven Bedürfnisse, die beim Menschen weitgehend durch Umwelteinflüsse – und das sind letztlich Lernprozesse – verändert werden können. So weit, dass sie fast ganz zum Verschwinden gebracht werden können.

Was ist die menschliche Natur?
Hohl: Wenn ich von meiner Skepsis gegenüber dem Triebmodell ausgehe, dann ist für mich die menschliche Natur Kulturfähigkeit. Karl Marx sagt dazu: “Die menschliche Natur ist nichts anderes als das Ensemble der menschlichen Verhältnisse.” Natürlich gibt es auch so etwas wie den biologischen Anteil, aber das Entscheidende ist, dass das Neugeborene in eine Kultur hineinsozialisiert wird und lernt, die Bedürfnisse, die es hat, mit allen Anforderungen der Gesellschaft – was die Mama sagt, der Lehrer will und so weiter – in Einklang zu bringen. In diesem Prozess entwickelt sich quasi die Natur des Menschen als Ausdruck all der sozialen Einflüsse, denen er im Laufe seines Lebens ausgesetzt ist. Und der Teil der biologischen Ausstattung, den man allerdings nicht verleugnen darf, wird weitgehend von diesen sozialen Einflüssen überlagert, dass ich meine, es lohnt sich nicht, immerfort auf den Trieb oder die Biologie zu beharren. Viel wichtiger ist die kulturelle Relativität am Menschen zu sehen. Das, was den einen vom anderen unterscheidet, obwohl wir alle Menschen sind. Das, was nicht von der Natur vorgegeben ist durch die Gene, sondern das, was die Gesellschaft sozusagen aus uns macht. Zivilisation ist die Art und Weise, wie die Menschen es lernen, ihre natürlichen Bedürfnisse zu kontrollieren. Zivilisierung ist immer ein Prozess der Selbstkontrolle.

Ist Zivilisation eine Leistung?
Hohl: Der Prozess der Selbstformung ist eine Leistung. Natürlich von außen erzwungen, niemand macht das von sich aus.Wir kommen als unzivilisierte Wesen auf die Welt und müssen erst einmal in einem mühsamen Prozess, der Jahrzehnte dauert, lernen, diese Leistung zu erbringen. Uns so zu beherrschen, dass wir in dieser Gesellschaft funktionieren können. Es ist eine Leistung und es ist weitgehend auch ein Verzicht.Wir müssen lernen, unsere Bedürfnisse durch eine bestimmte Form zu befriedigen.

Norbert Elias sagt: Es gibt keinen Nullpunkt der Zivilisation. Es gibt also keinen Anfang?
Hohl: Auch unsere Vorväter, die uns wild und barbarisch vorkommen, waren zivilisiert. Sie hatten nur ein anderes zivilisatorisches Muster.Der Mensch kann auf sich allein gestellt nicht existieren. Das gibt es nur in literarischen Fiktionen, aber nicht in der historischen Entwicklung. Die Menschen können nur miteinander, also nur als soziale Wesen überleben. Auch unsere Ururvorfahren mussten schon lernen, auf andere Rücksicht zu nehmen. Und nichts anderes heißt ja letztlich Zivilisation. Die eigenen spontanen Bedürfnisse einzuschränken, zu beherrschen, zu kontrollieren, sie mit den Bedürfnissen der anderen irgendwie zusammenzubringen. Letztendlich resultiert die Zivilisation aus der Natur des Menschen als soziales Wesen.

Wodurch werden wir zur Zivilisation befähigt?
Hohl: Es laufen Prozesse ab, in denen Kinder lernen, aggressives Verhalten in eine sozial akzeptable Form umzusetzen. Ein Kind nimmt dem anderen etwas weg, und die Reaktion ist Aggression. Dann kommt sofort die Mutter und erklärt: “Das darf man nicht tun. Ihr müsst euch vertragen.” Es wird manchmal mit Strafe gedroht, zum Beispiel mit Fernsehverbot oder Liebesentzug:”Wenn du das tust, hat dich die Mama nicht mehr lieb.” Oder mit Erziehung durch Schuldgefühle: “Wenn du das tust, ist die Mama ganz traurig.” Oder der Appell an Einsicht: “Stell dir einmal vor, wenn man das mit dir tun würde!” Das sind vier Standardmethoden, mit denen Kinder dazu gebracht werden, das zu tun, was die Erwachsenen für richtig halten. Das heißt, sich zivilisiert zu verhalten, das aggressive Bedürfnis, dass das Kind spürt, entweder zu unterdrücken oder in einer sozial akzeptablen Form umzusetzen, in eine Aktivität, die das Problem löst. Das Kind lernt dann, wenn alles gut geht, sich mit Worten auseinander zu setzen. An diesem Beispiel kann man sehr gut sehen, dass Aggressivität kein Trieb ist. Aggressives Verhalten wird ausgelöst. Die Kinder prügeln nicht einfach aufeinander ein, weil sie eine sich aufstauende Aggression in sich spüren, die dann abgeführt werden muss. Das wäre das Triebmodell im engeren Sinne. Sondern: Einer macht etwas, und der andere ist sauer und haut dann drauf. Das Gespräch führte Dorothea Büchele

“Zivilisation ist die Art und Weise, wie die Menschen es lernen, ihre natürlichen Bedürfnisse zu kontrollieren”

“Viel wichtiger ist die kulturelle Relativität am Menschen zu sehen. Das, was den einen vom anderen unterscheidet, obwohl wir alle Menschen sind”

ZUR PERSON
Dr. Joachim Hohl lehrt Sozialpsychologie am Department Psychologie der Ludwig-Maximilians- Universität und arbeitet als Psychoanalytiker und Psychotherapeut in freier Praxis.

Mittel zum Zweck

In einer zivilisierten Gesellschaft ist Geld für alle Mittel zum Leben. Für manche ist es auch Mittel zur Macht. Und Macht kann man nie genug haben

Wer das Geld hat, hat die Macht, heißt es. Nun, zumindest hat, wer Geld hat, diverse Möglichkeiten: Er kann es ausgeben, im Tausch gegen Waren oder Dienstleistungen; investieren, beispielsweise in Aktien, in Immobilien oder in ein lukratives Geschäft; er kann es tauschen, zum Beispiel in eine andere Währung; oder er kann es schlicht und einfach behalten, sprich: sparen. Damit das Geld sich – was heute seine wichtigste Funktion ist – stetig und unaufhaltsam vermehre. Dabei wurde es eigentlich nur erfunden, um den Austausch von Gütern zu vereinfachen – war es doch zu umständlich, Waren und Dienstleistungen immer in Vieh, Salz, Tierfelle oder Schmuck umzurechnen – vom aufwändigen Transport ganz zu schweigen. Geld in seinem ursprünglichen Sinn ist also nichts anderes als ein Maßstab, der den Wert einer Ware oder Dienstleistung wiedergibt. Durch die Verbriefung dieses Wertes wurde daraus ein anerkanntes Zahlungsmittel. Kritik an dieser Entwicklung kommt von Vertretern der so genannten Debitismus- Theorie, insbesondere von Paul C. Martin. Sein Argument: Die Einführung eines dritten Tauschgegenstands habe den Handel nicht einfacher, sondern komplizierter gemacht. Was Martin aber noch mehr missfiel, war die Funktion, die Geld seiner Meinung nach von Anfang an hatte. Von vornherein sei es weder Ware noch Tauschgegenstand gewesen, sondern Zeichen für ein Schuldverhältnis. Diese Funktion festigte sich, als die ersten Staatswesen entstanden. Damals reservierten sich die jeweiligen Landesherren auch das Vorrecht auf die Geldschöpfung; Steuern wurden nicht mehr in Naturalien erhoben, sondern in Geld. In frühen Stammeskulturen wurde der Reichtum des Einzelnen an seinen sichtbaren Gütern gemessen, doch jetzt konnten Landesherren ihr persönliches Geldvermögen unsichtbar mehren und horten, um es gegebenenfalls auch strategisch einzusetzen. Geld hatte einen Eigenwert bekommen: Es wurde zum Machtmittel. Und ist es bis heute geblieben. Reichtum wird – vor Immobilien und Grundbesitz – über Geld definiert. Die Geldverteilung zeigt Wirtschaftsexperten zufolge mittlerweile ein drastisches Ungleichgewicht. Professor Daniel Lee von der Pennsylvania State University, zurzeit Gastprofessor am Institut für Soziologie an der LMU München: „Ein Prozent der Aktienbesitzer in den USA halten 48 Prozent aller Aktien. Und ganze vier Prozent der Aktien verteilen sich auf 80 Prozent der Aktionäre.“ Einem Entwurf des aktuellen Armutsberichts der Bundesregierung zufolge liegt in Deutschland das private Nettovermögen bei fünf Billionen Euro, den reichsten zehn Prozent der Haushalte gehören davon 47 Prozent. Das Meiste ist wohl Vermögen, das in denselben Familien über Generationen weitervererbt wird und sich dort vermehrt, ohne dass geschichtliche Umwälzungen ihm etwas anhaben können. Dieses Geld dient der Kapitalvermehrung, ohne nochmals in den Kreislauf Güter- Diensleistungen-Löhne zurückzukehren. Es hat seinen ursprünglichen Nutzen als Zahlungsmittel und als Stellvertreter für Waren und Dienstleistungen verloren. Für den überwiegenden Teil der Bevölkerung ist und bleibt Geld, da gleichbedeutend mit Lebensunterhalt, etwas Existenzielles. Das Ungleichgewicht der Verteilung zeigt sich auch darin, dass über drei Millionen private Haushalte in Deutschland überschuldet sind. Über 48 000 meldeten 2004 laut Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen Insolvenz an. „Der Übergang vom überzogenen Konto zur hoffnungslosen Überschuldung ist fließend“, erklärt Gudrun Bünte von der AWO-Schuldnerberatung in München. Das gilt besonders dann, wenn aufgrund von Jobverlust oder Schwangerschaft das Einkommen geringer wird oder komplett wegfällt. Längst schon sind nicht mehr nur jene überschuldet, die über ihre Verhältnisse leben. Mittlerweile müssen Menschen Schulden machen, um über die Runden zu kommen. Die Auswirkungen von Hartz IV würden sich zwar frühestens in einem halben Jahr zeigen, so Bünte. Es sei aber zu erwarten, dass Überschuldung und Armut dann auch Schichten treffe, die sich bislang weit davon entfernt wähnten. „Die Leute werden ihre Immobilien nicht mehr halten und sich ihre Versicherungen nicht mehr leisten können“, prophezeit die Schuldnerberaterin. Denn auf Hartz IV hat Anspruch, wer vorher alles, was er hatte, zu Geld gemacht und für seinen Lebensunterhalt aufgebraucht hat. „Für dringende Fälle in Sachen Schulden“, so Bünte, „gibt es unsere telefonischen Sprechzeiten. Die Wartezeit für eine persönliche Beratung dagegen liegt inzwischen bei etwa sechs Monaten. Die Leute kommen ja leider oft erst dann, wenn gar nichts mehr geht – wenn die Zwangsräumung droht, das Konto gesperrt wurde, Gläubiger Druck machen. Sprich, wenn es um die nackte Existenz geht.“ Bei jungen Leuten werde oft das erste Auto oder die erste Wohnungseinrichtung über Ratenkäufe finanziert. „Dabei reicht das Einkommen oftmals nicht einmal für lebensnotwendige Dinge wie Lebensmittel, Kleidung, Miete und Strom“, weiß Bünte. Der Weg zur Schuldnerberatung falle allen überschuldeten Menschen schwer. Manche schämen sich, andere glauben, dass sie das Ruder noch irgendwie herumreißen und es allein schaffen können. Viele suchen nach einer schnellen Lösung. Und die meisten Banken würden sich – zunächst – auch durchaus kooperativ zeigen: Ist der Dispo ausgereizt und das Konto leer, bieten sie nicht selten Umschuldungsverfahren an – allerdings zu Raten, die in keinerlei Verhältnis zum Einkommen der Betroffenen stehen. Das Problem, so Bünte: „Die Leute zahlen ihre Kredite zurück, haben aber kein Geld mehr, die laufenden Kosten zu decken. Der Teufelskreis beginnt.“ Überhaupt seien Geldprobleme eine teure Angelegenheit: „Werden, weil die Rechnung nicht bezahlt wurde, Strom und Warmwasser abgestellt, hat derjenige außer der Rechnung noch Mahn-, Einziehungs-, Sperr- und Aufsperrkosten zu bezahlen“, sagt die Expertin. „Das Gleiche gilt, wenn die Telekom den Festnetzanschluss sperrt. Also versuchen die Leute, sich diese zusätzlichen Kosten zu sparen, kaufen sich beispielsweise eine Prepaid-Card fürs Handy, telefonieren dann aber zu den viel teureren Mobilfunktarifen. Will jemand seine Miete bar auf das Konto des Vermieters einzahlen, weil er kein Girokonto (mehr) hat, fallen dafür zwischen drei und zehn Euro Bearbeitungsgebühr an.“ Dabei haben die im Zentralen Kreditausschuss (ZKA) zusammengeschlossenen Spitzenverbände bereits 1995 anerkannt, dass ein Girokonto eine wichtige Voraussetzung für die Teilnahme am Wirtschaftsleben darstellt, und empfohlen, dass alle Kreditinstitute ein so genanntes ‚Girokonto für jedermann‘ – ohne Überziehungsmöglichkeiten – bereithalten sollten. Damit auch Menschen in finanziellen Schwierigkeiten Gutschriften entgegennehmen und Überweisungen tätigen können. Trotzdem gibt es zahlreiche Fälle, in denen Banken und Sparkassen sich weigern, ein Konto zu eröffnen oder ein bestehendes fortzuführen. Dabei sind längst nicht mehr nur Arbeits- und Wohnungslose betroffen. „Das zieht sich“, sagt Bünte, „durch alle gesellschaftlichen Schichten.“ Was alle gemeinsam haben: das Gefühl, am Rand der Gesellschaft zu stehen, es „nicht geschafft“ zu haben.Noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Armut nicht als gesellschaftlich verursacht, sondern als individuell verschuldet oder „gottgewollt“ betrachtet. Erst im Zuge der Industrialisierung und der Auseinandersetzung um soziale Fragen setzte sich in Europa die Auffassung durch, dass Armut als Massenphänomen ein Ergebnis wirtschaftlicher Verteilungsprozesse ist und durch staatliche Politik reguliert werden kann. Ein Problem sieht Daniel Lee, Gastprofessor der Ludwig-Maximilians-Universität, darin, dass in zivilisierten Gesellschaften die menschliche Existenz und die Erfüllung aller Grundbedürfnisse ausschließlich an den Faktor Geld gebunden sei. Grundbedürfnisse sollten garantiert sein – ob mit Geld oder ohne. Dazu gehöre neben Essen, Trinken und Wohnen unter anderem auch der freie Zugang zu Bildung und Kultur.

Daniela Walther

Versiegende Quellen

Was für den Steinzeitmenschen die Natur war, ist für den zivilisierten Menschen der Arbeitplatz. Denn der Job erschließt ihm die Mittel zum Überleben

Arbeit ist das zentrale Thema unserer Zeit – und ihr Mangel allgegenwärtig. Kaum eine Nachrichtensendung, die nicht die aktuelle Arbeitslosenquote erwähnt, kaum eine Woche, in der auf den Wirtschaftsseiten der Zeitungen nicht von Stellenabbau und Entlassungen die Rede ist. 36 Prozent der Deutschen haben Angst vor der Zukunft. Das hat eine vom Internetportal Jobware in Auftrag gegebene EMNID-Umfrage ergeben. Demnach befürchten 31 Prozent der Berufstätigen, dass ihr Arbeitsplatz gefährdet sein könnte. Und 22 Prozent der Bundesbürger geben einen sicheren Arbeitsplatz als größten persönlichen Wunsch für die Zukunft an. „Arbeit scheint in unserer Gesellschaft eine wesentliche Quelle der Identität zu sein und darüber hinaus ganz offensichtlich die Legitimation, an der Gesellschaft überhaupt teilnehmen zu dürfen“, sagte Carsten Ungewitter in seinem Vortrag zur „Zukunft der Arbeit“.Gehalten hat Ungewitter diesen Vortrag vor einiger Zeit – anlässlich eines Seminars der Friedrich- Naumnann-Stiftung mit dem Titel „Wohlstand für alle?! Wirtschafts- und Sozialordnung im Wandel“. Seitdem hat sich einiges getan und ist doch vieles beim Alten geblieben. Mit Hartz IV ist Anfang des Jahres die letzte Reform des Hartz-Pakets in Kraft getreten, die – zumindest Wirtschaftsminister Clement zufolge – „die Leute in Arbeit bringen“ soll. Die Frage ist nur, in welche: Im Januar war die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland erstmals über die Marke von fünf Millionen gestiegen.„Dem gegenüber stehen etwa eine halbe Million offener Stellen“, erinnert Dr. Bernd Malunat, lange Zeit wissenschaftlicher Assistent am Geschwister- Scholl-Institut für Politische Wissenschaft der LMU und inzwischen als Autor, Berater und Lehrer tätig. „Diese halbe Million reicht den Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft als Legitimation dafür, zu behaupten, es gebe ja Arbeit – sie müsse nur getan werden. Vorausgesetzt, der eine oder andere verfügt zufällig über die erforderlichen Qualifikationen für diese Stellen und entspricht zudem den Erwartungen des jeweiligen Unternehmens – vorausgesetzt also, die halbe Million offener Stellen könnte besetzt werden, blieben immer noch um die vier Millionen Menschen ohne Arbeit.“ Dass mit Hartz IV die Arbeitslosenquote tatsächlich reduziert werden könne, hält Malunat daher für absurd: Dafür brauche es Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Und die könne nur die Wirtschaft schaffen. Das Problem: Es werden mehr Stellen gestrichen, als neue hinzukommen. Was Malunat wütend macht: „Die Schuld daran wird wahlweise den Arbeitslosen in die Schuhe geschoben, die angeblich nicht arbeiten wollen oder zu teuer sind, oder sie wird dem Staat zugeschoben,weil der die Arbeitslosenzahlen nicht in den Griff bekommt. Nie ist in diesem Zusammenhang von den Unternehmen die Rede. Dabei geht es der Großindustrie blendend. Wenn alle Beschäftigten ihre Überstunden abbauen und die 30-Stunden- Woche für alle eingeführt werden würde, würde das schon eine ganze Menge zusätzliche Jobs bedeuten – zumindest im Bereich der Mittel- bis Hochqualifizierten. Stattdessen fordert die Wirtschaft die 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich – was die Arbeitslosigkeit nur noch mehr verstärken würde. Und keiner regt sich darüber auf.“ Trotzdem gibt er die Hoffnung nicht auf: „Es kann und muss sich etwas bewegen, und es wird sich auch etwas bewegen. Spätestens wenn die Chancenlosigkeit auch unter jenen größer wird, die hoch qualifiziert sind.“ Dass es am Arbeitsmarkt noch nie so viele gut Qualifizierte gab, bestätigt auch Ottmar Schader von der Arbeitsagentur München: „Ihre Aussichten auf eine Festanstellung sind allerdings eher bescheiden. Doch anders als wenig oder gar nicht qualifizierte Arbeitssuchende haben sie Alterativen und sind – zumindest theoretisch – auch flexibler einsetzbar.Viele wagen den Schritt in die Existenzgründung oder qualifizieren sich weiter.“ Dennoch: Ob Akademiker, unqualifizierte Hilfskraft oder Berufsanfänger – in Beschäftigung bringen kann die Arbeitsagentur sie nur dann, wenn die Nachfrage, sprich: das Wachstum steigt. „Alle redeten immer nur von Wachstum und der Schaffung neuer Arbeitsplätze“, wundert sich Ungewitter. „Nach den Grenzen des Wachstums wird dabei aber ebenso selten gefragt wie nach ökologischer und sozialer Verträglichkeit einer immer schneller wachsenden Wirtschaft und immer effizienteren Produktion. Dabei gerät vor allem eine Frage aus dem Blick: die über Sinn und Zweck von Wirtschaftsleistung und Wirtschaftswachstum, die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz von Produktion und der Verträglichkeit der Konsumtion – und die nach dem Sinn der Arbeit.“ In der Antike zum Beispiel wurde Arbeit noch eher skeptisch betrachtet. Zumindest die körperliche und kommerzielle Arbeit. Freiheit und Bürgerrecht gingen – anders als heute – nicht mit Arbeit einher. Erst im Mittelalter und in der frühen Neuzeit bekam Arbeit eine andere, eine zentrale Bedeutung. „Ehrbare Arbeit war nun Basis genossenschaftlicher Vergesellschaftung und mit Freiheit und Staatsbürgerrecht verknüpft“, erklärt Professor Jürgen Kocka in seinen „Thesen zur Geschichte und Zukunft der Arbeit“. Ihre eigentliche Aufwertung erfuhr die Arbeit im 17. und 18. Jahrhundert als Quelle von Eigentum, Reichtum und Kern menschlicher Selbstverwirklichung: Kant wertete die Muße gar als „leere Zeit“ ab und die Arbeit zum Lebenssinn auf: „Je mehr wir beschäftigt sind, desto mehr fühlen wir, dass wir leben, und desto mehr sind wir uns unseres Lebens bewusst.“ Ob ein Menschenleben als wertvoll angesehen wurde oder nicht, war nun im Wesentlichen eine Frage der Leistung, die dieser Mensch in seinem Leben vollbrachte.

Dabei hat der Mensch überhaupt keinen Grund, sich definieren zu müssen“, sagt Dr. Bernd Malunat, „nicht umsonst heißt es in Artikel 1 des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Ein Mensch sollte von Geburt an so ausgestattet werden, dass ihm das Selbstverständnis seiner eigenen Würde bewusst ist.Kinder, die geliebt und in dem, was sie sind und tun, bestärkt werden, entwickeln in der Regel ein Selbstverständnis. So ein Kind macht seinen Weg – schulisch, beruflich und privat. Vielleicht nicht als Ingenieur oder Anwalt, aber das ist auch nicht entscheidend. Es wird immer Menschen geben, die nicht so große intellektuelle Fähigkeiten haben – allen Bildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen zum Trotz. Was natürlich nicht heißen soll, dass sowohl die vorschulische, schulische als auch nachschulische Bildung in Deutschland nicht dringend verbessert und den neuen Gegebenheiten angepasst werden müsste.“ Schließlich seien bereits heute im Handwerk und in der Landwirtschaft weitgehend Computerkenntnisse nötig – von den Produktionsprozessen in der Industrie ganz zu schweigen. Doch nicht nur in Sachen Qualifizierung, auch was unsere Bedürfnisse betrifft, sei in unserer hochzivilisierten und vor allem hochtechnisierten Gesellschaft ein Umdenken erforderlich. „Wir müssen einfach bescheidener werden – nicht, was die Qualität, wohl aber, was die Quantität betrifft“, betont er. „Und zwar einfach deshalb, weil wir uns den bisherigen Standard aus ökologischen Gründen nicht mehr werden leisten können. Wachstum an sich ist unbegrenzt möglich, das ist eine reine Rechengröße. Das Problem ist die Umwelt – die hat einfach ihre Grenzen.“ In der Rückkehr zu naturverträglicheren Gesellschaftsformen und der Wiederbelebung dessen, was wir in den vergangnen 150 Jahren vernachlässigt haben, sieht Malunat eine einzigartige Möglichkeit, sowohl den Arbeitsmarkt als auch die Umwelt auf Dauer zu entlasten: „Nachbarschaftshilfe, Ehrenamt, Eigenarbeit und Tauschringe sind zwar nicht ausreichend, um all das zu bekommen, was zum Leben nötig ist.Wer aber einen Großteil dessen, was er braucht, außerhalb des Marktes erwirbt, braucht auch weniger Geld.Wer mit Nachbarn zusammen eine Fahrgemeinschaft bildet, im Tausch gegen selbst gebackenes Brot Nachhilfe gibt oder einen alten Menschen betreut, bei dem er günstig zur Untermiete wohnen kann, muss – zumindest nicht als 40-Stunden-Kraft – auf den Arbeitsmarkt drängen. Positiver Nebeneffekt: Um für andere einkaufen zu gehen,Kinder zu hüten oder den Rasen zu mähen, braucht man auch nicht die spezifischen Bildungsqualitäten, die heute für so viele eine unüberwindliche Hürde in den Arbeitsmarkt bedeuten“, erklärt Malunat. „Da sind vor allem menschliche Qualitäten gefragt.Nicht zuletzt aber würde die Zunahme solch unmittelbarer Tätigkeiten unser Lebensgefühl und damit unsere Lebensqualität verbessern.“

Daniela Walther

Frühes Scheitern

Trotz Schulpflicht gibt es in Deutschland rund vier Millionen Analphabeten. – Dabei geht ohne Schreibkenntnisse fast nichts mehr

Sobald Richard M. seine gewohnte Umgebung verließ, kam er an seine Grenzen. Dann ging der Spießrutenlauf los: Mit welcher S-Bahn geht es zu welcher Uhrzeit in die Münchner Innenstadt? Wo muss man umsteigen, um dann zu einer bestimmten Straße zu kommen, um einen Behördengang oder einen Einkauf zu erledigen? Die Orientierung fiel ihm schwer, denn er konnte bis vor wenigen Jahren nicht lesen und schreiben. „Das hat bei mir in der Kindheit angefangen. Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen, weit weg vom Dorf“, erinnert sich der Mechaniker. Die Schule war aufgrund kaum vorhandener Infrastruktur, damals in den 50er-Jahren, schwer erreichbar und ohnehin zweitrangig, wenn er auf dem Feld mit anpacken musste. Hinzu kam, dass ihm das Lernen an sich in der Schule verleidet wurde. „Ich war eigentlich Linkshänder, und die Lehrerin hat mir immer mit einem Stecken auf die Finger gehauen, damit ich rechts schreibe. Außerdem hat sie mich dauernd niedergemacht, weil ich nichts könne. Da habe ich mich immer mehr in mein Schneckenhaus zurückgezogen.“ Das Lernen wurde mit schlechten Erfahrungen und Gefühlen gekoppelt, Richard resignierte. In der dritten Klasse war der Zug abgefahren. „Das ist bei allen Analphabeten das gleiche Problem“, erklärt Sozialpädagogin Yvette Buchner. Keine Förderung durch Lehrer oder Eltern. Stattdessen Prügel oder psychischer Druck und immer wieder Isolation. Die misslungene Ausbildungsphase beeinflusst konsequenterweise die Berufswahl, die dann entsprechend eingeschränkt ist. Etwa 40 Prozent aller Analphabeten sind nach einer Studie des Alphabetisierungsprojekts Apoll arbeitslos. Richard M. beispielsweise scheiterte mit seinem Wunsch, es einmal als Fußballer zu versuchen, bereits an den Formalitäten: „Ich konnte ja nicht mal das Anmeldeformular für einen Verein ausfüllen.“ Er hatte niemandem von seinem Defizit erzählt. Nur eine Freundin bemerkte es vor einigen Jahren und hat ihn auf die Kurse der Volkshochschule hingewiesen. Oft ist es ein enger Vertrauter, der einen solchen Anstoß gibt, sagt Yvette Buchner, die seit über 20 Jahren Schreib- und Lesekurse für Erwachsene an der Münchner Volkshochschule leitet. „Das Thema wird natürlich tabuisiert, man hat ja schließlich lesen und schreiben zu können,wo es doch bei uns eine Schulpflicht gibt“, sagt Buchner auf die gesellschaftliche Anforderung anspielend und die allgemeine Haltung, die dem Problem Analphabetismus entgegengebracht wird. Dennoch gibt es nach Schätzungen des Bundesverbandes Alphabetisierung vier Millionen Analphabeten in Deutschland, davon etwa 600 000 allein in Bayern. Für sie gibt es keine behördliche Anlaufstelle. Informationen über Möglichkeiten, Versäumtes nachzuholen, erhalten diese Menschen nur vom durch Spenden finanzierten Verein Bundesverband Alphabetisierung. Dieser macht seit einiger Zeit durch gelungene Werbespots und Plakataktionen mit dem Slogan „Schreib dich nicht ab. Lern lesen und schreiben!“ auf sein so genanntes „Alfa Telefon“ aufmerksam. Dort erfährt man, wo und wann es Kurse gibt. Nur hat die Sache speziell in Bayern einen Haken. Denn der Freistaat, in Sachen Fortschritt und Technik immer gern vorne mit dabei, belegt auch hier einen sicher unerwünschten Spitzenplatz: Der Freistaat verfügt über den deutlich niedrigsten Versorgungsgrad an Lese- und Schreibkursen für Erwachsene! Gab es im Jahr 2003 im vorbildlichen Niedersachsen über 80 Volkshochschulangebote pro einer Million Einwohner, lagen die Kurse hierzulande im einstelligen Bereich, im Bundesdurchschnitt waren es rund 30 Angebote. Wie bei allen sozialen Maßnahmen fehlt es an Geld: „In einigen Bundesländern gibt es ein Weiterbildungsgesetz, in dem die finanzielle Förderung dieser Kurse geregelt ist. Das ist in Bayern nicht der Fall“, schildert Peter Hubertus, Geschäftsführer des Bundesverbands Alphabetisierung, die Situation. Dabei ist Analphabetismus gerade in unserer hoch entwickelten Gesellschaft ein großes Handikap. Spricht man heute von Analphabeten, sind in den seltensten Fällen jene gemeint, für die Buchstaben überhaupt keinen Sinn ergeben. Es handelt sich vielmehr um so genannte funktionale Analphabeten.Diese können häufig ihren Namen schreiben und schlichte Sätze lesen, doch das genügt oft nicht einmal mehr für einfache oder handwerkliche Jobs: „Der Druck seitens der Firmen wird stärker, richtig lesen und schreiben zu können. Das geht mit der Informationstechnologie einher. Früher hat ein Lagerarbeiter keine guten Schreibkenntnisse gebraucht.Heute muss er allein bei der Anlieferungen viele Daten in den Computer eingeben“, beschreibt Wolfgang Reiter, Fachgebietsleiter für Alphabetisierung an der Münchner Volkshochschule, die gestiegenen Anforderungen am Arbeitsmarkt. Mit diesen Anforderungen werden auch ausländische Arbeitskräfte konfrontiert. Vorbei die Zeiten, in denen für den klassischen Gastarbeiterjob ein paar Brocken Deutsch genügten und sich die Politik aus der Eingliederung der Migranten heraushielt.Wer hierzulande Fuß fassen möchte, soll künftig die deutsche Sprache in Wort und Schrift besser beherrschen. In seinem Interesse, denn die Konkurrenz um Arbeitsplätze wird härter. Und im Interesse des Staates, denn ohne ausreichende Sprachkenntnisse ist eine Integration nicht möglich. Im Rahmen des seit Januar geltenden neuen Zuwanderungsgesetzes ist deshalb vorgesehen, gezielt die deutsche Sprache und Kultur zu vermitteln. Einwanderer sollen von nun an einen Integrationskurs belegen. Dieser umfasst einen Basis- und Aufbausprachkurs über je 300 Stunden sowie einen Orientierungskurs über 30 Stunden, der Kenntnisse über die Rechtsordnung, Kultur und Geschichte Deutschlands vermitteln soll. EU-Bürger können an dieser Maßnahme freiwillig teilnehmen, sofern Plätze frei sind. Für alle anderen, die hier arbeiten wollen und kein Deutsch sprechen, ist diese Eingliederungsmaßnahme Pflicht. Ein bestandener Abschlusstest soll die Kenntnisse nachweisen. Auch Migranten, die bereits länger hier leben und sich dennoch nicht in einfachem Deutsch mitteilen können, müssen den Kurs belegen. Wer sich weigert, riskiert seinen Aufenthaltsstatus oder eine Kürzung der Sozialleistungen, sofern er welche bezieht. „Grundsätzlich finden wir die Idee des Integrationskurses hervorragend“, erklärt Lis Werner, Leiterin des Sprachkursprojektes der Initiativgruppe, die einer der zahlreichen Kursträger ist. Doch der Zwang sei so eine Sache, fährt sie fort: „Die Teilnehmer, die bislang die normalen Sprachkurse hier besucht haben, waren immer hoch motiviert, weil sie freiwillig gekommen sind.“ Viele hätten zwar durchaus Probleme gehabt, die Anmeldungen auszufüllen, und waren auf Hilfe von Bekannten, Verwandten oder Sozialarbeitern angewiesen. Doch da die Teilnahme nun an eine schriftliche Zulassung durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gekoppelt ist, wird der Vorgang komplizierter. Viele könnten sich vor den Kopf gestoßen fühlen, fürchtet Lis Werner. „Sie sind oft eine andere Kultur gewöhnt. In den meisten Ländern geht es ja nicht so bürokratisch zu wie bei uns.“ Ironischerweise hat sich das Bundesamt bei der Abwicklung der ersten Kursberechtigungen in Formalitäten verheddert. Und der Start der Integrationskurse hat sich um Wochen verzögert.

Anuschka Schmid

Zivilisiert durch Distanz

Den nötigen Raum dazu soll es bald in der städtischen Unterkunft für Männer geben. Nach dem Umbau werden dort aus Vierbett- Zweibettzimmer

Dass sich etwas tut, merkt man sofort. Wer an der Unterkunft für wohnungslose Männer in der Pilgersheimer Straße 11 vorbeikommt, kann die Baustelle nicht übersehen. Links neben dem dreistöckigen alten Gebäude entsteht ein um zwei Etagen höherer Anbau. Der Zweck: eine Erweiterung der Kapazität um 27 auf 180 Betten und die Umstellung auf Zweibettzimmer. Noch übernachten die obdachlosen Männer überwiegend in Vierbettzimmern. Im Büro von Gerhard Baier vibriert der Boden. Ein dumpfes Brummen dringt durch die Wände. „An den Baulärm habe ich mich schon gewöhnt“, sagt der Leiter der Einrichtung gelassen, „das nehme ich in Kauf.“ Lesen Sie weiter bei »Zivilisiert durch Distanz«…