Ein Gespräch mit Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), über Zivilisation – was sie ausmacht und was sie gefährdet
Wie definieren Sie Zivilisation?
Thomas Krüger: Ich würde solche Gesellschaften als zivilisiert bezeichnen, die in der Lage sind, Konflikte gewaltfrei beziehungsweise gewaltarm zu lösen. Dazu gehört auch,Verständigung zwischen Generationen und Milieus anzustreben. So etwas funktioniert natürlich nicht von heute auf morgen. Zivilisation – das zeigt die Geschichte Europas – ist ein lang anhaltender Prozess politischer Bildung.
Zivilisation ist also lebendig und nie abgeschlossen?
Krüger: Zivilisation ist immer in Bewegung. Ihre Grundlagen müssen in der Demokratie ständig verhandelt werden. Und: Sie ist immer in Gefahr.Deutschland zwischen 1933 und 1945 ist ein schreckliches, aber lehrreiches Beispiel.
Gäbe es ohne Zivilisation noch Traditionen wie das Faustrecht beziehungsweise das Recht des Stärkeren?
Krüger: Davon kann man ausgehen. Genauso definiert sich Zivilisation: als Überwindung von „barbarischen“ Traditionen wie Faustrecht, das Recht des Stärkeren, Blutrache, Selbstjustiz und Ähnliches.
Welche konkreten Vor- und Nachteile haben Bürger einer zivilisierten Gesellschaft?
Krüger: Jede Menge Vorteile wie das Recht auf freie Meinungsäußerung. Oder – in westlichen Gesellschaften – das Recht auf sexuelle Freiheit und Selbstbestimmung, auf freie Partnerwahl. Dass ich mir aussuchen kann, ob ich heterooder homosexuell leben und lieben will. Dass Paare zum Beispiel Sex vor der Ehe haben können, ohne dafür von Familienmitgliedern mit Gewalt oder sogar Tod bestraft zu werden. Oder das Recht, wildeste und absurdeste Geschichten im Kino zu sehen oder zu lesen.Nachteile haben zum Beispiel Mörder und Vergewaltiger – die müssen in den Knast.
Ist es eine Errungenschaft der Zivilisation, dass alle Bürger – zumindest theoretisch – vor dem Gesetz gleich sind?
Krüger: Es ist eine „Errungenschaft der Zivilisation“, dass Gleichheit vor dem Gesetz für alle durchgesetzt worden ist. Der Gedanke selbst ist älter als die Zivilisationstheorien. Er stammt aus den antiken Systemen der Griechen und Römer, die zwar Sklaven hatten und leider auch Frauen als „Nicht-Bürgerinnen“ sahen, aber dennoch der Auffassung waren, dass alle „Vollbürger“ gleich sein müssten, wenn ein System gerecht sein sollte.
Schränkt Zivilisation manchmal auch die freie Entscheidung der Bürger ein?
Krüger: Um Gottes Willen! Sie muss sie ermöglichen. Bürgerinnen und Bürger gewinnen im Prozess selbst gestalteter Zivilisation das Maximum an denkbarer Freiheit: Aber die freie Entscheidung hat implizite Grenzen (Grenzen sind inbegriffen, Anm. d. Red.). Wer es als freie Entscheidung betrachten will, seinen Nachbarn totzuschlagen, setzt Zivilisation außer Kraft und verwirkt seine Freiheit.
Wer legt fest, was grundsätzlich unter Zivilisation zu verstehen ist?
Krüger: Das lässt sich nicht „festlegen“, sondern ist ein ständiger Diskurs- und Konfliktvorgang. Nehmen wir das Thema Zuwanderung als Beispiel. Sehr „moralische“ Minderheiten sehen das derzeitige Zuwanderungsgesetz als eine eher barbarische Abgrenzungs- und Abwehrmaschinerie – die anderen sehen die Bedürfnisse der so genannten Mehrheitsgesellschaft in unzulässiger Weise eingeschränkt. Beide nehmen einen Zivilisationsbegriff in Anspruch. Letztendlich maßgeblich ist in einer Demokratie die Mehrheitsmeinung.
Kann eine Zivilisation rein theoretisch entwickelt und anschließend erfolgreich der Bevölkerung „verordnet“ werden?
Krüger: Zivilisation kann nie als reine Theorie bestehen. Ich kann mir nur praktische Zivilisation vorstellen, mehr oder weniger ausgeprägt, als einen dynamischen Prozess, der niemals endet. Man kann einer Bevölkerung Zivilisation nicht verordnen. Sie muss sie zumindest als Lernprozess akzeptieren und zu ihrer eigenen Sache machen. So wie das nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland geschehen ist, als die Alliierten der Bevölkerung „Reeducation“ angedeihen ließen. Nach der nationalsozialistischen Diktatur bekamen die Deutschen „Nachhilfe“ in Demokratie – vor diesem Hintergrund entstand auch die Bundeszentrale für politische Bildung. Gestaltet und mit Leben erfüllt wurden die demokratischen Werte aber von den Menschen im Nachkriegsdeutschland selbst. Zivilisation ist ein kollektiver Prozess von Aufklärung, Demokratie, Menschenrechten und intelligentem Gruppenverhalten, um besser zu überleben.
Von welchen Faktoren wird Zivilisation beeinflusst?
Krüger: Zivilisation basiert auf einer „Gruppenklugheit“ von Gesellschaft. Das heißt, ihre Mitglieder müssen es als Vorteil begreifen, Konflikte so zu lösen, dass den jeweiligen Partnern Handlungsalternativen bleiben. Wenn Sie so wollen, ist das ein Vorgehen nach Kants kategorischem Imperativ: Die Maxime des eigenen Handelns muss auch als Grundlage eines allgemeingültigen Gesetzes bestehen können. Dem stehen natürlich unterschiedliche individuelle Interessen, religiöse Abgrenzungen, Besitzstände und so weiter entgegen, die rivalisierende Gruppen durchsetzen wollen. Zivilisation als Haltung einer entwickelten Zivilgesellschaft – diese Definition stammt aus der Aufklärung und hat für mich heute noch Gültigkeit .
Wie wichtig ist Zivilisation für eine Gesellschaft? Was passiert ohne ihre Existenz?
Krüger: Überlebenswichtig! Ohne Zivilisation prallen Gegensätze so aufeinander, dass sie durch Krieg, Blutrache, Genozide, Religionskriege vermeintlich „gelöst“ – in Wirklichkeit aber nur vertagt und verlängert werden.
Welche Organe des Staates sorgen für die Erhaltung der Zivilisation?
Krüger: Öffentliche Institutionen wie Polizei und Gerichte, aber auch Schulen, Kirchen, Kultureinrichtungen und die bpb. Erstere durch Sanktionen, Letztere durch Wissensvermittlung und Diskussionen.
Reichen Gesetze, Paragraphen und Sanktionen aus, um eine Zivilisation zu erhalten?
Krüger: Nein, sie beschreiben nur einen Rahmen. Der Erhalt der Zivilisation kann nur durch die Gesellschaft selbst organisiert werden. Eine Gesellschaft, die ihre zivilisatorischen Konsense nicht mehr will, wird sich auf Dauer auch anders organisieren, weil dann früher oder später auch ihre Institutionen einem Wandel unterworfen werden, die die Konsense eigentlich sichern und ausbauen sollten. Gesetze sind also notwendig, um Zivilisation zu erhalten und zu entwickeln, aber nicht ausreichend. Ohne zivilisatorische „Selbstzügelung“ der Beteiligten funktioniert es nicht. Diese zu erreichen wird immer Aufgabe von Bildung und Erziehung sein.
Erfordert eine Zivilisation stets auch das Vertrauen der Bürger?
Krüger: Zivilisation verlangt das aktive Mittun und Mitgestalten mündiger Bürgerinnen und Bürger. Aber Vertrauen – das halte ich für ein falsches Wort in diesem Zusammenhang. Denn wenn Zivilisation sich weiterentwickeln soll, dann darf eigentlich nie das Gefühl aufkommen, dass man fertig ist und sich im Vertrauen auf die gefundenen Regeln zurücklehnen darf.
Muss aber nicht zumindest Vertrauen in Gesetzgebung, Polizei und Justiz bestehen, damit nicht die Selbstjustiz zurückkehrt?
Krüger: Lassen Sie uns ein Missverständnis aus dem Weg räumen: Auch in der Zivilisation wird regiert, der Staat und seine Organe können legale, also gesetzliche Gewalt anwenden, wenn das notwendig ist. Selbstjustiz ist verboten – wenn jemand so etwas versucht, schreiten Polizei und Justiz ein, ob nun mit Vertrauen der Betroffenen oder ohne.Wenn die gegenseitigen Verhältnisse durch gute und wirklichkeitsnahe Gesetze vernünftig und Erfolg versprechend geregelt sind, dann kann sich der Bürger, die Bürgerin in weitgehendem Maße auf dieses System verlassen. Ein solches Grundvertrauen ist also dann wirklich „begründet“, wenn ich mich als Bürger eines Staates grundsätzlich auf vernünftige Gesetze verlassen kann, statt staatlicher Willkür oder der Gewalt anderer Menschen ausgeliefert zu sein. Dieses Grundvertrauen muss sich der Staat aber, wenn Sie so wollen, „verdienen“, und zwar immer wieder neu. Und neben dem Vertrauen ist auch ein gewisses Maß an Misstrauen notwendig, denn Macht bleibt nicht von sich aus gebändigt. Vertrauen ist gut, aber Kontrolle ist eben besser. Das ist eine ständige Bewegung, in der die Gesellschaft immer „dran bleiben“ muss.
Was tut der Staat, um die Bevölkerung von den positiven Seiten der Zivilisation zu überzeugen?
Krüger: Der Staat garantiert bestimmte Leistungen, schafft verbindliche Regeln und Sanktionsmechanismen, er reguliert Gegensätzliches und Konflikthaftes. Insofern schafft er erst einmal eine verlässliche Grundlage. Aber: Er hat auch Verselbstständigungstendenzen, die immer wieder von einer kreativen Zivilgesellschaft begrenzt werden müssen. Deshalb ist politische Bildung so wichtig, weil sie Bürgerinnen und Bürger zur aktiven Teilhabe befähigt. Und damit auch zur Kontrolle des Staates.
Ist Zivilisation nur in einer „gebildeten“ Gesellschaft möglich?
Krüger: Ja, aber was Bildung ist, ist eine Frage der Definition. Es gibt Gesellschaften, die auf den ersten Blick unterentwickelt sind, arm sind, aber über ein hohes Maß an ziviler Klugheit verfügen. Wissen ist sehr relativ und kulturell divers. Deshalb muss man mit der Begriffszuweisung vorsichtig sein.
Gibt es Abstufungen vom Begriff Zivilisation, je nachdem, welche politischen oder kulturellen Rahmenbedingungen vorhanden sind?
Krüger: Ich würde das Wort Abstufungen vermeiden. Es gibt Differenzierungen,Verschiebungen, Unterschiede. Aber es gibt auch universale Aspekte wie die Menschenrechte. Der Streit darum wird im so genannten Universalismusstreit im europäischen Abendland seit dem Mittelalter ausgetragen. Auch während der Aufklärung oder in der gegenwärtigen Philosophie wird darüber noch diskutiert. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte, das haben schon die Scholastiker wie Thomas von Aquin erkannt. Es gibt universalia – also weltweit und unbegrenzt Geltendes. Es gibt aber auch realia – also Unterschiedliches – Klima, Sprache, Kultur, Sitten und Gebräuche. Das zu vereinbaren ist die Aufgabe einer globalen Zivilisation!
Ist Zivilisation möglicherweise ein Luxus, den sich nur reiche Länder leisten können?
Krüger: Nein, Zivilisation ist auf den unterschiedlichsten ökonomischen Niveaus möglich. Dafür gibt es jede Menge Beispiele schon in so genannten Naturvölkern oder „naiven“ Gesellschaften, die ihre Zivilisierung ausprägen.
Kritische Bürger behaupten, es gelte mittlerweile das Recht des Reicheren. Besteht die Gefahr einer solchen Entwicklung?
Krüger: Es ist wie bei der Frage nach dem Vertrauen in die Staatsgewalt. Ein gesundes Maß an Misstrauen, eine kritische Grundhaltung, aktive Loyalität zeichnet den Bürger eines zivilisierten Staates aus. Wenn jemand den Eindruck hat, dass die Gleichheit verletzt wird, dann muss er das offen sagen und sich dafür einsetzen, dass da korrigiert wird. Die Gefahr einer schleichenden Veränderung ist immer da – aber in einer zivilisierten Gesellschaft gibt es erprobte Wege, solchen Entwicklungen entgegenzuwirken. Einer Regierung steht es beispielsweise immer frei, für gerechte Verhältnisse zu sorgen.
Wird man in 100 Jahren eine ganz andere Vorstellung von Zivilisation haben als heute?
Krüger: Mit Sicherheit. Zivilisation ist eine Verabredung auf Zeit und im Prozess. Sie ist aufkündbar und entwickelbar. Sie baut auf eine Gruppenklugheit und gibt sich Regeln und Institutionen. Zivilisation entwickelt sich. Oder sie versinkt in den Strudeln von Dummheit und Gewalt.
Das Gespräch führte Günter Keil
Zur Person
Thomas Krüger, geboren 1959, leitet seit fünf Jahren die Bundeszentrale für politische Bildung. Er studierte Theologie, war unter anderem als Vikar tätig und begann seine politische Karriere als Gründungsmitglied der SPD in der DDR. Weitere Stationen: Erster Stellvertreter des Oberbürgermeisters in Ostberlin, Stadtrat, Senator für Jugend und Familie in Berlin, Mitglied des Deutschen Bundestages. Thomas Krüger ist zudem Präsident des Deutschen Kinderhilfswerkes, Mitglied in der Kommission für Jugendmedienschutz und des Kuratoriums für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Die Mitglieder müssen es als Vorteil begreifen, Konflikte gewaltfrei zu lösen
Nach der nationalsozialistischen Diktatur gab es „Nachhilfe“ in Demokratie. Mit Leben erfüllt wurden die demokratischen Werte aber von den Menschen im Nachkriegsdeutschland selbst