Drogengeschäfte

Ohne Geld keine Drogen, deshalb tut der Abhängige alles, um es seinem Dealer geben zu können

Traudl Wicht, Gründerin der Münchner Selbsthilfegruppe SOS (Sucht ohne Strafe), in der sich Eltern von Drogenkonsumenten zusammengeschlossen haben, sagt: “In der Szene gibt es keine Spur von Solidarität.” Sie erinnert sich, wie es ihrem Sohn ergangen ist. Er wohnte längst in einer eigenen Wohnung. “Wir haben gar nichts mitbekommen, bis er eines Nachts anrief und erzählte, er sei abhängig.” Die Karrieren gleichen sich. “Zuerst verscherbeln die Süchtigen ihren gesamten Besitz, sie überziehen das Girokonto und gehen an den Geldbeutel der Eltern. Dann ist die Grenze zur Kriminalität nicht mehr weit. Diebstähle in Kaufhäusern folgen, vielleicht Überfälle auf der Straße, die Leiter hat nach unten kein Ende.” Der Sohn von Traudl Wicht hat damals knapp die Kurve gekriegt. “Gott sei Dank ist ihm die kriminelle Schiene erspart geblieben.” Er fiel einem Geldhai in die Hände, der auf 7000 Mark 21,5 Prozent Zinsen nahm. “Wir haben das Dilemma abwenden können.” Eine viel kleinere Summe wurde zum Verhängnis. “Es ging um 200 Mark, die er nicht sofort bezahlen konnte. Also sind vier Jungs zu ihm in die Wohnung gekommen. Sie haben ihn zusammengeschlagen.” Dann ließen sie ihn liegen. Er hatte noch Kraft genug, zum Telefon zu robben. Mit einem Schädelbruch lag er wochenlang im Krankenhaus. Traudl Wicht sagt, ihr Sohn sei vergleichsweise gut davongekommen. Nach der Therapie ist er seit acht Jahren clean. “Er hat Heroin nie gespritzt, sonder nur geraucht und zu seinem Glück war er schon relativ alt, als er drauf kam. Jüngere Konsumenten gehen viel gröber mit sich um.” Und das trifft vor allem die Eltern hart. “Oft leiden die Angehörigen mehr als die Konsumenten, solange sie auf gutem Stoff sind. Der Beschützerinstinkt im Bauch streitet gegen den Kopf, der genau weiß, dass jede finanzielle Zuwendung die Sucht verlängert.” Traudl Wicht kennt Eltern, die selbst auf die Straße gegangen sind und Stoff eingekauft haben, weil sie den Schmerz ihres Kindes nicht länger ertragen konnten. Sie rät Angehörigen: “Geben Sie einem Süchtigen niemals Bargeld. Wenn Sie helfen wollen, kaufen Sie Lebensmittel, schenken Sie Telefon- oder Fahrkarten und achten Sie darauf, dass der Abhängige seine Wohnung behält. Sie ist die Basis zur Rückkehr in die Gesellschaft.” Christoph Teich, leitender Suchttherapeut im Münchner Beratungszentrum Tal 19, geht noch weiter, indem er sagt: “Menschen verändern sich nur unter Leidensdruck. Bewusst oder unbewusst wägen Konsumenten die Vor- und Nachteile der Sucht ab. Wiegen die Nachteile schwer genug, wird der Ausstieg möglich. Auch wenn es Eltern schwer fällt, den Verfallihrer Kinder mit anzusehen, sie sollten lernen, sich abzugrenzen.” Man dürfe es dem Konsumenten in seiner Sucht nicht gemütlich machen. Auch der Finanzierungsdruck kann helfen. Heroinabhängige, sagt Christoph Teich, benötigten unter den aktuellen Marktbedingungen bis zu 150 Euro täglich. “Eigentlich bist du als Junkie zum Dealen gezwungen, anders kannst du das gar nicht bezahlen”, sagt Alex H. Der knapp 50-Jährige weiß, wovon er spricht, denn seine Biographie ist eine Zeitreise durch die Drogengeschichte der Bundesrepublik. “Ich habe mit 13 Jahren angefangen, sofort mit dem vollen Programm. LSD war mein Einstieg, dann Heroin und Koks. Haschisch hat mich kaum interessiert.” Alex H. gehörte zu den “Kindern vom Bahnhof Zoo”, und obwohl er schon seit Jahren in Bayern wohnt, hört man den Berliner Zungenschlag. Das gibt seinen Äußerungen eine pragmatische Note, obwohl Alex H. von Lebenskatastrophen berichtet. “Damals bin ich als Wochenend-Fixer unterwegs gewesen. Das hat sich noch in Grenzen gehalten, so richtig abhängig war ich nicht”, erzählt er. Zusammen mit den Kumpels hat er den Stoff durch Einbrüche finanziert. Die erste Therapie macht Alex H. als 15- Jähriger, dann war er eine Zeitlang sauber. “Mit Mitte Dreißig hatte ich einen Laden. Der ist den Bach runtergegangen. Ich schnapp mir also das Wohnmobil und gondle mit meiner Frau erst mal durch ganz Europa.” Eines Tages steht das Auto in Amsterdam, und Alex H. nimmt eine Probe. Heroin, natürlich, und es gefällt ihm wieder gut. Besonders gut gefällt ihm das Preisgefälle zwischen den Niederlanden und der Schweiz, und deshalb kommt er auf eine scheinbar glänzende Geschäftsidee. “Ich habe regelmäßig Heroin und Koks gekauft, halbkiloweise zu 40 Gulden pro Gramm. Das Ganze dann anal abgesenkt, bis zum Anschlag, und ab über die Grenzen.” Am Zürcher Platzspitz geben sie ihm 300 Schweizer Franken für das Gramm. “Das funktioniert prächtig”, denkt Alex H. und bleibt bei der Route. Die Touren bringen in der Woche zwischen 15 000 und 20 000 Franken. “Mit so viel Geld in der Tasche denkst du nicht nach”, sagt er. Vor allem, wenn man am Tag selbst vier oder fünf Gramm braucht. Zwischendurch setzt Alex. H. sich immer mal wieder auf Entzug. “Aber es hat ja keine Rolle gespielt, der Stoff war da.” Gewissensbisse nicht. “Klar, auf dem Platzspitz sind viele arme Schweine rum- 29 Anzeige gelaufen”, sagt er. Er hat sie angeschaut mit der Nachsicht eines Dealers, der mit den Niederungen der Sucht nichts zu tun hat. “Mein Zeug war ja gut, das musste ich strecken, damit die Leute nicht umfallen. Und wenn mich mal einer um ein bis zwei Gramm übers Ohr gehauen hat, das war mir doch egal, weil ich sowieso genug Kohle damit verdient habe.” Alex H. sagt: “Ein richtiger Dealer geht ganz anders vor.” Der würde nicht im Wohnmobil durchs Land ziehen, keine Einkaräter fürs Ohr kaufen und keine Fehler machen. “Ich war Zwischendealer. Seit die Preise durch schlechten Stoff aus Osteuropa so stark gefallen sind, lohnt es sich für Kleine nicht mehr und als großer Dealer ist es brandheiß. Du musst immer eine Knarre dabeihaben. Drogen sind ein rücksichtsloses Geschäft.” Alex H. hat die Spielregeln nicht eingehalten, obwohl er sie kannte. Er ist den Zöllnern mit voller Ladung in die Arme gefahren. “Ein Fehler hat ausgereicht”, sagt er. Die Richter verurteilten ihn zu fünf Jahren Haft und beschlagnahmten seinen Besitz, die Goldbarren, den Schmuck und das Bargeld. Das Wohnmobil versteigerte der Zoll im Auftrag der Justiz. Die gesetzliche Grundlage heißt “Verfall” und “Einziehung”. Sie ist in den Paragraphen 73 und 74 des Strafgesetzbuches festgelegt. Der Münchner Rechtsanwalt Andreas Fischer, Spezialist für Strafrecht, erklärt: “Der Verfall gilt nicht als Strafe, sondern als Ausgleichsmaßnahme.” Mit Hilfe dieser Konstruktion verhindern die Richter, dass Straftäter einen Nutzen aus ihren illegalen Geschäften behalten. “Per Verfall legt der Staat die Hand auf alle Einnahmen aus rechtswidrigen Taten. Dabei gilt das Bruttoprinzip”, sagt Fischer. Schätzen die Ermittler, dass ein Dealer 100 000 Euro umgesetzt hat, kann sein Vermögen bis zu dieser Höhe für verfallen erklärt werden – egal wie viel er selbst für das Rauschgift bezahlt hat. Fischer: “Die Einbeziehung betrifft Tatwerkzeuge. Dazu gehören Fahrzeuge, Flugtickets, Mobiltelefone, Laboreinrichtungen und Computer. Sie gehen in den Besitz des Staates über.” Sogar die Tasche, in der ein Kurier das Rauschgift transportiert hat, wird als Tatwerkzeug betrachtet. Die Drogen selbst und natürlich sämtliche Waffen werden stets eingezogen. Bayernweit und über das Jahr gerechnet summiert sich die Gewinnabschöpfung bei Straftätern zu einer Höhe, die sogar den Landtag interessiert. Für das Jahr 2002 hatte der Finanzminister mit 5,1 Millionen Euro Einnahmen gerechnet, tatsächlich sind es 2,6 Millionen geworden.
Bernd Hein

Stars

Reich und berühmt wollen viele Jugendliche sein, doch manche versuchen auch einfach nur das zu machen, was sie gut können

„Frau Schmidt, zum Packen ist doch noch Zeit, wenn Ihre Tochter kommt. Kommen Sie, wir gehen in den Park“, versucht er sie abzulenken. „Junger Mann“, weist ihn die alte Dame zurecht, „Sie haben hier nur zu tun, was ich Ihnen sage. Also, bitte.“ Mergim, 16 Jahre, lacht, nimmt Handtasche, Pantoffeln und den Morgenmantel, die sie ihm hinhält, und läuft geduldig neben ihr her, während Frau Schmidt ihre Gehhilfe Richtung Fahrstuhl schiebt. „Wochenlang hat sie das nicht mehr gemacht. Dafür musste ich diese Woche schon viermal ihre Sachen packen. Wenn sie in dieser Stimmung ist, ist nichts zu machen“, erklärt er. „Am besten, man macht dann einfach, was sie sagt. In einer halben Stunde hat sie sowieso vergessen, warum sie da jetzt mit all ihren Sachen vor dem Fahrstuhl sitzt.“ Mergim absolviert ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) in einem Altenpflegeheim. Sein Traumberuf ist das nicht. Aber was heißt schon Traumberuf? „Dass der Beruf ein Traum bleibt“, meint Mergim. „Ein unerfüllbarer.“ Mergim ist Kosovo- Albaner. Mit neun Jahren kam er nach Deutschland. „Die Sache mit der Schule ging hier eigentlich von Anfang an schief. Keine Ahnung, wie oft ich Klassen und Schulen gewechselt habe. Ich fehlte ziemlich oft – anfangs wirklich nur, wenn ich meine Eltern auf Ämter oder zum Arzt begleiten musste, um für sie zu übersetzen. Dann auch, um mich vor Exen oder Schulaufgaben zu drücken. Irgendwann bin ich dann gar nicht mehr hingegangen. Dass das Konsequenzen haben würde, hab ich allerdings erst begriffen, als der Bußgeldbescheid über 1200 Euro kam und ich von der Schule musste.“ Dass er heute überhaupt Aussicht auf eine Ausbildung hat, hat Mergim seinem Betreuer zu verdanken. „Den hat mir das Jugendamt verpasst – ich hab damals ziemlich viel Mist gebaut. Aber der Typ war echt meine Rettung.“ Der Betreuer habe sich nicht nur darum gekümmert, dass Mergim einen Platz in einer Berufsvorbereitungsmaßnahme des Arbeitsamtes bekommen hat, sondern auch kontrolliert, ob er wirklich am Unterricht teilnimmt. „Keine Ahnung, vielleicht lag es daran, dass er da echt hinterher war, dass ich das durchziehe. Vielleicht spielte es auch eine Rolle, dass es Geld dafür gab, aber ich habe dort nicht einen Tag gefehlt. Und am Ende habe ich sogar den Quali gemacht.“ Trotzdem: Als die Lehrerin ihn fragte, ob er sich vorstellen könne, in einen Pflegeberuf zu gehen, war er erst einmal skeptisch. Eigentlich hatte er ja an Kfz- Mechaniker gedacht. „Einer meiner Onkel im Kosovo hat eine Autowerkstatt mit Tankstelle. Da hing ich immer rum, schraubte an irgendwelchem Schrott rum und wartete, dass mein Onkel mich ans Steuer seines Traktors ließ. Aber hier in Deutschland brauchst du mindestens einen Realschulabschluss, wenn du Kfz- Mechaniker werden willst. Und selbst dann kriegst du keine Lehrstelle. Außerdem kann ich mich, glaube ich, ganz gut um andere kümmern. In meiner Familie jedenfalls bin ich es, den sie ständig fragen: ‚Kannst du mal das Formular ausfüllen? Kannst du mich mal dahin begleiten? Kannst du mal mit der Lehrerin, mit der Kindergärtnerin, mit der Vermieterin reden? Kannst du der Kleinen mal die Windeln wechseln?’ Viel anders kann das in so einem Altenheim auch nicht sein, dachte ich. Eigentlich wollte ich ja lieber in ein Krankenhaus, aber da war nichts frei. Also machte ich das Praktikum im Altenheim und stellte fest, dass ich mit den alten Leuten ganz gut klarkomme.“ Was besonders seine Kolleginnen für untertrieben halten. „Sie lieben ihn“, sagt schmunzelnd eine der Schwestern auf der Station. „Die Damen betört er mit seinem Charme und unsere Herren wissen genau, dass sie auf dem Spaziergang im Park eine Zigarette von ihm schnorren können. Und Frau Schmidt lässt sich nur von ihm die Koffer packen.“ Mit den Leuten in den Park oder auch mal in ein Café gehen, das macht er am liebsten. „Füttern und Anziehen ist auch kein Problem. Oder Verbände wechseln. Selbst Waschen ist okay, solange man nicht Berge von Sch… wegwischen muss.“ Während des FSJ darf er das allerdings noch gar nicht machen. Zumindest nicht allein. „Aber ich schaue den Pflegern zu oder helfe inzwischen auch schon mit. Irgendwann muss ich es sowieso selbst machen. Da ist es besser, ich bin schon mal daran gewöhnt.“ Aber wie ist das mit dem Traumberuf? Hat er denn nie davon geträumt, ein berühmter Fußballer, Basketballspieler, Sänger oder Schauspieler zu sein? Klar stelle er sich manchmal vor, wie es wäre, plötzlich einen Riesenhaufen Geld zu haben, meint Mergim. „So viel, dass es nicht gleich wieder weg ist, kaum dass du es auf dem Konto hast.“ Es müsse ja nicht gleich ein eigenes Flugzeug oder eine eigene Insel sein. „Nur so viel, dass man sich ein Haus bauen, jede Menge Klamotten kaufen, sich ein richtig geiles Auto leisten und für seine Familie sorgen kann.“ Aber das seien einfach nur so Spinnereien. Hirngespinste, bei denen es auch mehr darum gehe, was man mit der ganzen Kohle anfangen würde, als um die Frage, was man dafür tun müsse. „Ich kann nun mal weder gut genug Fußball oder Basketball spielen, um damit Geld zu verdienen. Und als Schauspieler oder Sänger wäre ich wohl auch eine ziemliche Pleite. Also versuche ich einfach, das zu machen, was ich kann, und damit so erfolgreich wie möglich zu sein. Viele meiner Freunde haben gar keinen Job – nicht einmal eine Ausbildung. Da habe ich es doch gar nicht so schlecht getroffen.“ Leute, die einfach nur berühmt sein wollen und singen oder schauspielern, obwohl sie überhaupt nichts draufhaben, findet er sowieso lächerlich. „Ich kenne einen, der hat sich für so eine Foto-Story in einem Mädchenmagazin fotografieren lassen. Er ist eigentlich ein richtig guter Rapper – dachte, er würde irgendwann Eminem oder Bushido Konkurrenz machen. Jetzt läuft er ab und zu bei Serien wie ‚Marienhof’ durchs Bild oder ist einer von zwanzig in einer Filmschlägerei und glaubt, er wäre ein Star. Ein Job wie meiner, sagt er, wäre nichts für ihn. Und für mich wäre es nichts, Wochen oder Monate auf den nächsten Auftrag zu warten. Kann ich mir nicht leisten: Ich zahle immer noch die Strafe fürs Schulschwänzen ab. Außerdem will ich den Führerschein machen. Und wenn ich 18 bin, mit meinen Brüdern zusammen ein Auto kaufen. „He, Frau Schmidt, wie sieht’s aus? Was halten Sie von einer Runde im Park?“ „Sie wollen doch nur eine rauchen gehen, Sie Bengel“, lacht Frau Schmidt und hakt sich bei Mergim ein.

Emma ist gefragt. Die Osterferien sind schon wieder so gut wie ausgebucht: Aufnahmen für die Herbst/Winter-Kollektion eines Kindermodenherstellers stehen an. Es gibt Anfragen von verschiedenen Versandhauskatalogen. „Und die Zusage für eine Fernsehrolle“, strahlt die 13-Jährige. Eine Fernsehrolle, tatsächlich? „Das ist jetzt meine sechste. Ich habe auch schon in Kinofilmen mitgespielt. Der letzte, in dem ich dabei war, heißt ‚Luther’. Hast du ihn gesehen? Peter Ustinov hatte die Hauptrolle. Kennst du Peter Ustinov?“ „Das bei ‚Luther’, das war eine Massenszene“, erklärt die Mutter später. „Nichts Großes. Man hat sie kaum richtig gesehen.“ Sie lächelt. „Emma wollte immer schon auf der Bühne stehen. Schon als Kindergartenkind stand sie beim Weihnachtskrippenspiel in der ersten Reihe. Und bis letztes Jahr war sie festes Ensemblemitglied der Kinderkomparserie am Stadttheater. Das ließ sich dann aber nicht mehr mit der Schule und den anderen Jobs vereinbaren. Vor drei Jahren hat eine befreundete Fotografin sie zu einem Shooting für einen Versandhauskatalog mitgenommen, kurz darauf zu Aufnahmen für eine Modestrecke in einer Frauenzeitschrift. Daraufhin wurde immer wieder angefragt. Seitdem ist Emma bei einer Agentur. Irgendwie hat uns das total überrollt. Seit zwei Jahren wird sie für jede Kampagne eines Kindermodenherstellers in Italien gebucht. Ganz geheuer ist mir das Ganze, ehrlich gesagt, immer noch nicht. Aber solange es ihr Spaß macht und das Ganze nur in den Ferien stattfindet – schließlich ist da ja auch noch die Schule.“ „Schule. Immer kommst du mit der Schule“, nörgelt Emma. „Die Schule läuft – nur Einser und Zweier im letzten Zeugnis. Okay, und die Drei in Mathe. Na und? Ich will schließlich nicht Mathe studieren. Ich werde Abitur machen, damit du zufrieden bist. Und dann werde ich Schauspielerin werden.“ Und wenn es nicht klappen sollte? „Das wird es. Das wird es ganz bestimmt. Ich werde erst mal weiter modeln, bis das mit der Schauspielerei richtig läuft. Und dass es noch nicht läuft, liegt nur daran, dass ich immer nur in den Ferien (vernichtender Seitenblick auf die Mutter) drehen darf. Aber wenn ich 18 bin, werde ich selber entscheiden, wann und wie viel ich arbeite und welche Rolle gut für mich ist. Und dann werdet ihr schon sehen. Ich werde richtig große Rollen spielen und berühmt werden – wie Diane Krüger. Die war auch mal Model. Und dann hat sie die Hauptrolle in ‚Troja’ gekriegt!“

Daniela Walther

„Keine Ahnung, wie oft ich Klassen und Schulen gewechselt habe. Ich fehlte ziemlich oft – anfangs wirklich nur, wenn ich meine Eltern auf Ämter oder zum Arzt begleiten musste, um für sie zu übersetzen.“

„Seit zwei Jahren wird Emma für jede Kampagne eines Kindermodenherstellers in Italien gebucht. Ganz geheuer ist mir das Ganze, ehrlich gesagt, immer noch nicht.“

Erfolgreich im Durchhalten

Dafür, dass sie als junge Frau keine Pläne, sondern Träume hatte, hat sie in ihrem arbeitsreichen Leben einiges auf die Beine gestellt

Ob mein Leben erfolgreich war? Darüber habe ich eigentlich noch nie nachgedacht. Erfolg ist so ein großes Wort. Erfolgreich sind für mich Menschen, die Besonderes geleistet haben – in der Wirtschaft, in der Kunst oder in der Politik, die für sich oder für andere etwas erreicht haben – und von anderen dafür bewundert werden. Mein Sohn sagt immer: ‚Erfolgreich sein heißt, das zu erreichen, was man sich vorgenommen hat.’ Ich hatte als junger Mensch nicht wirklich Pläne. Träume ja. Aber Pläne? Ich habe einfach gemacht, was gerade anstand – was getan werden musste, damit es irgendwie weiterging, Schritt um Schritt. Ich bin kein gescheiter Mensch, habe keine höhere Schule besucht. Bei ‚Wer wird Millionär’ weiß ich nicht mal halb so viel wie mein Mann. Aber der sitzt ja auch den ganzen Tag mit Lexikon und Fremdwörterbuch vor seinen Kreuzworträtseln. Ich dagegen gehe lieber raus in meinen Garten. Da kann ich mich so richtig entspannen und alle Sorgen vergessen. Meine Eltern waren Korbmacher – sie hatten wenig Zeit und noch weniger Geld. Während sie oft bis spät in die Nacht Körbe flochten, waren wir Kinder für den Haushalt und die kleine Landwirtschaft zuständig. Mit 17 Jahren lernte ich meinen Mann kennen. Als ich zwanzig wurde, haben wir geheiratet. Da war unser Sohn schon zwei Jahre alt. Die Familie meines Mannes hatte eine große Landwirtschaft und eine Brauerei mit Gastwirtschaft. Sie haben sich lange dagegen gesträubt, dass er mich armes Ding heiratet. Aber ich habe durchgehalten – und ihn bekommen. Wenn ich etwas wirklich gut kann, dann ist es durchhalten – und arbeiten. Ich habe ausgehalten, dass man sich das Maul über mich und mein uneheliches Kind zerrissen hat. Und nach unserer Heirat habe ich Tag und Nacht für diese Familie gearbeitet, denn keiner sollte mir nachsagen können, ich hätte mich ‚ins gemachte Nest’ gesetzt. Jahrelang lebten wir alle unter einem Dach: die Eltern meines Mannes, sein älterer Bruder mit Frau und zwei Kindern, seine Schwester und wir – inzwischen mit drei Kindern. Feldarbeit war in dieser Familie Frauenarbeit. Schließlich war da noch die Brauerei und die Wirtschaft, um die sich mein Schwager kümmerte. Mein Mann war für alles Kaufmännische zuständig. Die Kinder wuschen die Flaschen aus, füllten sie ab und belieferten die Flaschenbierhandlungen in der Umgebung. Alle halfen zusammen. Und mein Schwiegervater bestimmte, wo’s langging: wer wann was wie zu tun hatte, wann die Kinder eine Strafe verdienten und was nötig war und was nicht. Nicht nötig war zum Beispiel, dass jede Familie in einem eigenen Haus lebte. Doch genau das war mein größter Wunsch. Denn im Haus meiner Schwiegereltern fühlte ich mich immer nur geduldet, nie wirklich erwünscht. Ich wünschte mir einen Ort, der meiner war. Kurz nach dem Tod meines Schwiegervaters starb mein Schwager mit nicht einmal vierzig Jahren. Wir versuchten zwar, die Brauerei zu halten, aber mit einem fremden Brauer lohnte sich das nicht mehr. Mein Mann und ich arbeiteten inzwischen in einer Porzellanfabrik – er als Prokurist, ich im Versand. Meine Schwägerin kümmerte sich weiter um die Gastwirtschaft und den Getränkevertrieb für eine Großbrauerei. Mit drei kleinen Kindern und einer pflegebedürftigen Schwiegermutter war sie damit eigentlich völlig überfordert. Natürlich packten wir alle mit an, wo es ging. Trotzdem waren sie und ich uns einig, dass es besser sei, ein bißchen Distanz zwischen unseren Familien herzustellen, so dass jeder wenigstens ein bisschen sein eigenes Leben leben konnte. Doch mein Mann wollte davon nichts wissen. Es dauerte fünf Jahre, bis er einwilligte, dass wir ein eigenes Haus bauten. Es war von Anfang an vor allem mein Haus, mein Reich. Im Grunde fühlt mein Mann sich erst seit vier Jahren hier zu Hause: seit der älteste Sohn seines Bruders die Gastwirtschaft geschlossen und sein Elternhaus verkauft hat und es keine Theke mehr gibt, hinter die mein Mann sich jeden Abend und jeden Sonntagmorgen stellen und Bier zapfen kann. Im Grunde hat da erst unser gemeinsames Leben begonnen. Über das praktische Miteinander hinaus, meine ich. Plötzlich hatten wir Zeit füreinander und miteinander. Das war eine ganz schöne Umstellung für uns beide. Wir mussten uns richtig aneinander gewöhnen. Die Schwiegereltern unseres Sohnes zum Beispiel haben ihr Leben lang immer alles zusammen gemacht, jede Entscheidung gemeinsam getroffen, jeden Einkauf miteinander erledigt. Ganz zu schweigen von den gemeinsamen Reisen, die die beiden gemacht haben. Ich war in meiner Ehe immer sehr viel auf mich allein gestellt, weil für meinen Mann immer der Familienbetrieb an erster Stelle stand. Aber wie sagt meine Enkelin immer: ‚Dafür bist du viel selbstständiger, freier und mutiger als Oma Martha und sagst nicht zu allem Ja und Amen, was der Opa sagt.’ ‚Emanzipiert’ nennt sie das.

Vor zwei Jahren haben wir Haus und Hof unserem Sohn und unserer Schwiegertochter überschrieben. Ich tat das mit sehr gemischten Gefühlen: Einerseits habe ich mich gefreut und war sehr stolz, ihnen ein schuldenfreies Haus übergeben zu können. Vorher haben mein Mann und ich noch alles in Ordnung bringen lassen – das Dach musste ausgebessert, ein Garagentor ausgetauscht und viele Kleinigkeiten gerichtet werden. Andererseits fiel es mir schon ziemlich schwer loszulassen. Mit der Verantwortung auch die Entscheidungsfreiheit abzugeben. Vielleicht, weil ich so sehr darum kämpfen musste. Vielleicht, weil ich hier immer für alles allein verantwortlich gewesen bin. Aber meine Schwiegertochter macht das ganz fabelhaft. Sie bezieht mich nach wie vor mit ein und hat mir noch nicht einen Tag das Gefühl gegeben, überflüssig zu sein. Das ist heutzutage ja nicht selbstverständlich – dass man als alter Mensch noch mitzubestimmen hat, meine ich. Doch inzwischen kann ich es sogar genießen, die anderen machen zu lassen. Außerdem will ich nicht dieselben Fehler machen wie meine Schwiegereltern. Also habe ich immer versucht, unseren Kindern so wenig Vorschriften wie möglich zu machen. Das gilt für die Wahl ihrer Lebens- und Ehepartner ebenso wie für alle anderen Lebensbereiche. Natürlich bringt das auch Enttäuschungen mit sich. Meiner Tochter wäre es vielleicht manchmal besser bekommen, wenn wir uns hin und wieder eingemischt und ihr Grenzen gesetzt, zumindest das eine oder andere hinterfragt hätten. Aber hinterher weiß man es ja immer besser. So ist das Leben; man macht Fehler. Ich habe nie Wert auf Luxus gelegt. Aber ich bin überzeugt, dass Geld das Leben einfacher macht. Ich sehe das sehr pragmatisch: Man hat einfach eine Sorge weniger. Und das Leben hält ja Sorgen genug für einen bereit. Mir war deshalb immer wichtig, meine Familie wenigstens finanziell versorgt zu wissen. Vielleicht, weil ich selbst früher gar nichts hatte. Es gibt mir ein beruhigendes Gefühl, dass die Häuser unserer Kinder schuldenfrei sind und mein Mann und ich für jedes unserer sieben Enkelkinder – und inzwischen auch für die fünf Urenkel – ein Sparbuch angelegt haben. Nicht zuletzt, weil es manch einem schon aus der Patsche geholfen hat. Ich freue mich jedesmal wieder, wenn wir einem von ihnen sein Sparbuch überreichen. Es macht mich einfach glücklich. Wir haben immer versucht, unseren Kindern gegenüber gerecht zu sein und keines zu benachteiligen. Trotzdem haben sie sich ganz unterschiedlich entwickelt. Wir hatten nie viel Zeit für sie. Da ist wahrscheinlich so einiges auf der Strecke geblieben. Das ist mit den Enkeln und Urenkeln jetzt ganz anders. Manchmal habe ich das Gefühl, ich weiß über ihr Leben mehr als über das meiner Kinder, als sie in ihrem Alter gewesen sind. Es war auch einfach eine andere Zeit damals. Kinder wuchsen mehr oder weniger nebenher auf. Besonders in einer Großfamilie wie der unseren. Trotzdem denke ich, sind sie ganz gut geraten – jeder auf seine Weise. Zumindest haben sie gelernt, wie wichtig es ist, als Familie zusammenzuhalten. Und das tun sie auch heute noch. Obwohl sie sich in aller Regel alles andere als einig sind. Ja, doch. Ein bisschen stolz bin ich schon, dass wir das alles miteinander geschafft haben. Trotz aller Krisen. Und immer noch beisammen und eine Familie sind. Keine perfekte, das gewiss nicht. Aber was ist schon perfekt?“

Die 78-jährige Dame lebt in der Nähe von Wunsiedel. Sie ist seit 58 Jahren verheiratet. Ihre Söhne sind 60 und 57, die Tochter 53 Jahre alt.

Protokoll: Daniela Walther

Vorteilsstreben

Ehrgeizige Eltern möchten die besten Berufschancen bereits für ihre Grundschulkinder und lassen sich häufig von Vorurteilen leiten

Eltern wollen für ihre Kinder das Beste: den besten Schulabschluss, die beste Förderung, den besten gesellschaftlichen Umgang. „Dieses Streben ist aus psychologischer Sicht natürlich, gesund und richtig“, sagt Rudolf Hänsel, Leiter der staatlichen Schulberatungsstelle für München, „schließlich möchten Eltern ihre Kinder mit den besten Zukunftschancen ausstatten“. Schulabgänger konkurrieren heute in hartem Wettbewerb um die begrenzte Zahl an Ausbildungsplätzen, erklärt der Schulberater. Abiturienten verdrängen Realschulabsolventen von deren ehemals typischen Ausbildungsplätzen in Banken und kaufmännischen Berufen. Realschüler strömen dafür in die Lehrstellen im Einzelhandel und ins Handwerk, die früheren Domänen der Hauptschüler. Hauptschulabsolventen und Jugendliche ohne Schulabschluss haben es schwerer denn je. Denn viele Jobs für gering Qualifizierte sind weggefallen. Darum ist der höchste Schulabschluss prinzipiell der Beste, sagt Hänsel. „Wenn möglich: Abitur!“ In Bayern fällt die Entscheidung über Lebenswege und Berufschancen besonders früh. Schon während des vierten Schuljahres werden die Weichen für die zukünftige Schullaufbahn gestellt. Umso wichtiger ist es, dass die Kinder während der Grundschulzeit die optimalen Ausgangsbedingungen erhalten. Viele Eltern befürchten Nachteile für ihre Kinder, wenn in der Grundschule ein großer Anteil ausländischer Mitschüler die Unterrichtssprache nicht beherrscht oder wenn viele Kinder aus sozial benachteiligten Familien stammen. Den Schulen wiederum fehlen die Mittel für genügend Lehrer, um trotz solcher Probleme jedes Kind bestmöglich zu fördern. Besorgten Eltern bleibt das Nachsehen, denn sie können sich die Grundschule für ihr Kind nicht aussuchen. Vielmehr wird jedes schulpflichtige Kind der dem Wohnort nächstgelegenen Sprengelschule zugewiesen. „Die Grundschule ist die Gesamtschule“, sagt Hänsel. „In ihr kommen spätere Sonderschüler, Gymnasiasten, Hauptschüler, Realschüler und Kinder aus allen gesellschaftlichen Schichten zusammen.“ Was für viele eine Chance ist, empfinden andere als Hemmschuh. Nicht wenige ambitionierte Eltern wollen sich mit der Sprengelbindung nicht abfinden und suchen nach Wegen, um „unattraktive“ Grundschulen zu umgehen. Eine Möglichkeit ist es, an einer anderen Schule einen Gastschulantrag zu stellen. Dieser muss jedoch gut begründet sein und sowohl von der abgebenden als auch von der aufnehmenden Schule genehmigt werden. Manche Familien wechseln stattdessen lieber pro forma die Adresse und melden sich bei Verwandten oder Bekannten im Einzugsbereich der scheinbar besseren Schule wohnhaft. „Diese Praxis ist ein offenes Geheimnis“, weiß die Vorsitzende der Münchner Grundschuleltern, Isabell Zacharias. „Sie ist natürlich nicht akzeptabel, aber man muss sich immer fragen, warum Eltern das tun.“ Oftmals würden die Schulen allerdings nach reinen Äußerlichkeiten eingeschätzt, sagt Zacharias. Von einem ansprechenden Gebäude in schöner Lage werde auf die Qualität des Unterrichts geschlossen. Pluspunkte auf der Beliebtheitsskala bringt auch ein geringer Ausländeranteil und wenn sich im gleichen Haus keine Hauptschule befindet, mit der sich die Grundschule den Schulhof teilt. Kriterien, die die innere Schulentwicklung betreffen, etwa „wie sich Eltern mit der Schule verzahnen“ und was neben dem Regelunterricht noch an der Schule angeboten wird, bleiben Außenstehenden verschlossen. Diese Qualitäten spielen aber für die Förderung der Kinder und die Atmosphäre an der Schule eine wichtige Rolle. Eine engagierte Elternschaft kann manche Probleme, die sich durch kulturelle und soziale Unterschiede in den Klassen ergeben, auffangen. Ein positives Beispiel ist die Grundschule an der Wilhelmstraße in München-Schwabing, zu deren Sprengel neben Kindern aus gut situierten deutschen Familien auch die Kinder aus einem Asylbewerberheim gehören. „Das sind zum Beispiel Kinder aus Krisenregionen in Afghanistan oder dem ehemaligen Jugoslawien, die teilweise schlecht Deutsch sprechen und wegen finanzieller und integrativer Probleme an vielen Schulveranstaltungen nicht teilnahmen“, erzählt der Elternbeiratsvorsitzende Jochen Kröhne. „Daraufhin sind sozial eingestellte Eltern initiativ geworden und haben sich intensiv um Kontakte mit den Asylbewerbern bemüht.“ Jetzt laden deutsche Kinder ihre ausländischen Mitschüler nach Hause ein und helfen ihnen bei den Hausaufgaben. Man spielt zusammen Fußball, bäckt zusammen Brot und leistet diskrete finanzielle Unterstützung aus einer vom Elternbeirat eingerichteten „Sozialkasse“, in die Eltern gegen Spendenbescheinigung einzahlen können. „Wir bemühen uns, das Fremde als Chance zu sehen. Von den Kontakten profitieren alle, unsere Kinder genauso wie die Kinder aus dem Heim“, sagt Kröhne. Soziale Kompetenz ist aber leider keine Fähigkeit, die zählt, wenn es darum geht, welches Kind nach der Grundschule auf eine höhere Schulart übertreten kann. Die Eignung wird aus den Leistungen in den Fächern Deutsch, Mathematik sowie Heimat- und Sachkunde errechnet. Für den Übertritt ins Gymnasium darf die Durchschnittsnote nicht unter 2,33 liegen, für die Realschule liegt die Grenze bei 2,66. Fällt die Durchschnittnote schlechter aus, zweifeln Eltern nicht selten am Urteilsvermögen der Grundschullehrer. In diesem Fall gibt es die Möglichkeit, die Kinder gegen Ende des Schuljahres zu einem „Probeunterricht“ an der angestrebten Schule anzumelden. Dieser dreitägige Probeunterricht ist eine Kombination aus Prüfungen und Unterricht, während dem das Verhalten der Kinder beobachtet wird. Wer den Probeunterricht besteht, darf übertreten – unabhängig von den in der Grundschule erzielten Leistungen. Um die Schüler für den Probeunterricht zu wappnen, bieten Nachhilfeinstitute so genannte „Übertrittskurse“ an. In diesen wird während der Faschings-, Osterund Pfingstferien kräftig Deutsch und Mathematik gepaukt. Für die Aussicht, dem Kind auf diese Weise doch noch die höhere Schullaufbahn zu ermöglichen, greifen Eltern tief in die Tasche. Ein einwöchiger „Übertrittskurs“ kostet etwa 250 Euro. Empfohlen wird, alle drei Kurse zu belegen. Besonders intensive Vorbereitung versprechen „Lerncamps“ in schöner Umgebung auf dem Land, für die noch einiges mehr investiert werden muss. „Anschließend schaffen 80 Prozent der Kinder den Einstieg ins Gymnasium“, verspricht einer der Anbieter. Allerdings, so muss er einräumen, könnten viele der Kinder dann mit dem Lerntempo auf Dauer doch nicht mithalten. Anderen aber gelinge es, am Gymnasium zu bleiben. Diese Kinder kämen dann meistens wieder zur Einzelnachhilfe, wenn in der sechsten Klasse die zweite Fremdsprache auf den Lehrplan kommt. Eine Stunde Einzelnachhilfe kostet rund 20 Euro. Trotzdem: Die Nachfrage in den Paukstudios ist enorm und die Übertrittskurse sind fast immer ausgebucht. Mit dem Ehrgeiz und der Sorge der Eltern verdienen die Institute jährlich viele Millionen. Schulleiter stehen den Übertrittskursen sehr skeptisch gegenüber, und die Vorsitzende der Münchner Grundschuleltern bezeichnet die Kurse als „pervers“. Sie hält auch nichts von Nachhilfe, sofern diese nicht nur eine vorübergehende Hilfestellung ist, sondern zur Dauerinstitution wird. „Damit ist den Kindern nicht geholfen! Wenn sie das Handwerkszeug fürs Gymnasium nicht haben, ist es besser, gleich die geeignete Schule zu suchen, denn die Kinder, die vom Gymnasium in die Real- oder Hauptschule zurückfallen, haben dann auch dort oft große Probleme, weil das Scheitern extrem demotivierend ist.“ Aber gerade in München setzen viele Eltern darauf, es auch entgegen schulischer Empfehlungen erst einmal auf dem Gymnasium zu versuchen. Über 500 Gymnasiasten treten jährlich den Weg zurück, auf eine der Realschulen, an. Schulberater Rudolf Hänsel kennt das Problem überehrgeiziger Eltern, die unbedingt und notfalls mit Hilfe großer finanzieller Aufwendungen den Übertritt an eine höhere Schule durchdrücken wollen. „Das ist ein Mittelschicht-Phänomen, aber keinesfalls der Haupttrend.“ Seiner Ansicht nach findet die effektivste Förderung ohnehin nicht in der Schule und nicht im Nachhilfestudio, sondern im Elternhaus statt. „Die beste Vorraussetzung für eine erfolgreiche Schullaufbahn ist eine sichere Bindung zwischen Eltern und Kind. Tests zeigen, das Kind lernt in der Beziehung zu den Eltern und zu den Menschen, denen es vertraut.“ Ein Kind, das von den Eltern in die Fragen und Entscheidungen des täglichen Lebens auf eine seinem Alter gemäße Weise einbezogen wird, werde in seinem Selbstwertgefühl gestärkt und ein besserer Schüler sein als ein Kind, das daheim nur vor dem Fernseher sitzt. Was Kinder außerdem brauchen, sei Mut, erklärt Hänsel. „Mut ist ganz wichtig für die Lernbereitschaft.“ Deshalb sollten Eltern ihr Kind auffordern, Neues auszuprobieren. So erfahre es, dass man durch Übung lernen kann. „Dazu gehört allerdings, dass sich das Kind etwas sagen lässt“. Darin liege aber heute oft das größte Problem, meint Hänsel. Deshalb empfiehlt er Eltern, von ihren Kindern beharrlich zu fordern, was ihnen wichtig ist, sei es die Nachbarin zu grüßen oder die Hausaufgaben ordentlich zu erledigen. Erfolg in der Schule liegt nach Meinung des Schulberaters weniger an der Begabung als an der Lernfähigkeit. Die aber müsse von klein auf gestärkt werden.

Simone Kayser