Ohne Geld keine Drogen, deshalb tut der Abhängige alles, um es seinem Dealer geben zu können
Traudl Wicht, Gründerin der Münchner Selbsthilfegruppe SOS (Sucht ohne Strafe), in der sich Eltern von Drogenkonsumenten zusammengeschlossen haben, sagt: “In der Szene gibt es keine Spur von Solidarität.” Sie erinnert sich, wie es ihrem Sohn ergangen ist. Er wohnte längst in einer eigenen Wohnung. “Wir haben gar nichts mitbekommen, bis er eines Nachts anrief und erzählte, er sei abhängig.” Die Karrieren gleichen sich. “Zuerst verscherbeln die Süchtigen ihren gesamten Besitz, sie überziehen das Girokonto und gehen an den Geldbeutel der Eltern. Dann ist die Grenze zur Kriminalität nicht mehr weit. Diebstähle in Kaufhäusern folgen, vielleicht Überfälle auf der Straße, die Leiter hat nach unten kein Ende.” Der Sohn von Traudl Wicht hat damals knapp die Kurve gekriegt. “Gott sei Dank ist ihm die kriminelle Schiene erspart geblieben.” Er fiel einem Geldhai in die Hände, der auf 7000 Mark 21,5 Prozent Zinsen nahm. “Wir haben das Dilemma abwenden können.” Eine viel kleinere Summe wurde zum Verhängnis. “Es ging um 200 Mark, die er nicht sofort bezahlen konnte. Also sind vier Jungs zu ihm in die Wohnung gekommen. Sie haben ihn zusammengeschlagen.” Dann ließen sie ihn liegen. Er hatte noch Kraft genug, zum Telefon zu robben. Mit einem Schädelbruch lag er wochenlang im Krankenhaus. Traudl Wicht sagt, ihr Sohn sei vergleichsweise gut davongekommen. Nach der Therapie ist er seit acht Jahren clean. “Er hat Heroin nie gespritzt, sonder nur geraucht und zu seinem Glück war er schon relativ alt, als er drauf kam. Jüngere Konsumenten gehen viel gröber mit sich um.” Und das trifft vor allem die Eltern hart. “Oft leiden die Angehörigen mehr als die Konsumenten, solange sie auf gutem Stoff sind. Der Beschützerinstinkt im Bauch streitet gegen den Kopf, der genau weiß, dass jede finanzielle Zuwendung die Sucht verlängert.” Traudl Wicht kennt Eltern, die selbst auf die Straße gegangen sind und Stoff eingekauft haben, weil sie den Schmerz ihres Kindes nicht länger ertragen konnten. Sie rät Angehörigen: “Geben Sie einem Süchtigen niemals Bargeld. Wenn Sie helfen wollen, kaufen Sie Lebensmittel, schenken Sie Telefon- oder Fahrkarten und achten Sie darauf, dass der Abhängige seine Wohnung behält. Sie ist die Basis zur Rückkehr in die Gesellschaft.” Christoph Teich, leitender Suchttherapeut im Münchner Beratungszentrum Tal 19, geht noch weiter, indem er sagt: “Menschen verändern sich nur unter Leidensdruck. Bewusst oder unbewusst wägen Konsumenten die Vor- und Nachteile der Sucht ab. Wiegen die Nachteile schwer genug, wird der Ausstieg möglich. Auch wenn es Eltern schwer fällt, den Verfallihrer Kinder mit anzusehen, sie sollten lernen, sich abzugrenzen.” Man dürfe es dem Konsumenten in seiner Sucht nicht gemütlich machen. Auch der Finanzierungsdruck kann helfen. Heroinabhängige, sagt Christoph Teich, benötigten unter den aktuellen Marktbedingungen bis zu 150 Euro täglich. “Eigentlich bist du als Junkie zum Dealen gezwungen, anders kannst du das gar nicht bezahlen”, sagt Alex H. Der knapp 50-Jährige weiß, wovon er spricht, denn seine Biographie ist eine Zeitreise durch die Drogengeschichte der Bundesrepublik. “Ich habe mit 13 Jahren angefangen, sofort mit dem vollen Programm. LSD war mein Einstieg, dann Heroin und Koks. Haschisch hat mich kaum interessiert.” Alex H. gehörte zu den “Kindern vom Bahnhof Zoo”, und obwohl er schon seit Jahren in Bayern wohnt, hört man den Berliner Zungenschlag. Das gibt seinen Äußerungen eine pragmatische Note, obwohl Alex H. von Lebenskatastrophen berichtet. “Damals bin ich als Wochenend-Fixer unterwegs gewesen. Das hat sich noch in Grenzen gehalten, so richtig abhängig war ich nicht”, erzählt er. Zusammen mit den Kumpels hat er den Stoff durch Einbrüche finanziert. Die erste Therapie macht Alex H. als 15- Jähriger, dann war er eine Zeitlang sauber. “Mit Mitte Dreißig hatte ich einen Laden. Der ist den Bach runtergegangen. Ich schnapp mir also das Wohnmobil und gondle mit meiner Frau erst mal durch ganz Europa.” Eines Tages steht das Auto in Amsterdam, und Alex H. nimmt eine Probe. Heroin, natürlich, und es gefällt ihm wieder gut. Besonders gut gefällt ihm das Preisgefälle zwischen den Niederlanden und der Schweiz, und deshalb kommt er auf eine scheinbar glänzende Geschäftsidee. “Ich habe regelmäßig Heroin und Koks gekauft, halbkiloweise zu 40 Gulden pro Gramm. Das Ganze dann anal abgesenkt, bis zum Anschlag, und ab über die Grenzen.” Am Zürcher Platzspitz geben sie ihm 300 Schweizer Franken für das Gramm. “Das funktioniert prächtig”, denkt Alex H. und bleibt bei der Route. Die Touren bringen in der Woche zwischen 15 000 und 20 000 Franken. “Mit so viel Geld in der Tasche denkst du nicht nach”, sagt er. Vor allem, wenn man am Tag selbst vier oder fünf Gramm braucht. Zwischendurch setzt Alex. H. sich immer mal wieder auf Entzug. “Aber es hat ja keine Rolle gespielt, der Stoff war da.” Gewissensbisse nicht. “Klar, auf dem Platzspitz sind viele arme Schweine rum- 29 Anzeige gelaufen”, sagt er. Er hat sie angeschaut mit der Nachsicht eines Dealers, der mit den Niederungen der Sucht nichts zu tun hat. “Mein Zeug war ja gut, das musste ich strecken, damit die Leute nicht umfallen. Und wenn mich mal einer um ein bis zwei Gramm übers Ohr gehauen hat, das war mir doch egal, weil ich sowieso genug Kohle damit verdient habe.” Alex H. sagt: “Ein richtiger Dealer geht ganz anders vor.” Der würde nicht im Wohnmobil durchs Land ziehen, keine Einkaräter fürs Ohr kaufen und keine Fehler machen. “Ich war Zwischendealer. Seit die Preise durch schlechten Stoff aus Osteuropa so stark gefallen sind, lohnt es sich für Kleine nicht mehr und als großer Dealer ist es brandheiß. Du musst immer eine Knarre dabeihaben. Drogen sind ein rücksichtsloses Geschäft.” Alex H. hat die Spielregeln nicht eingehalten, obwohl er sie kannte. Er ist den Zöllnern mit voller Ladung in die Arme gefahren. “Ein Fehler hat ausgereicht”, sagt er. Die Richter verurteilten ihn zu fünf Jahren Haft und beschlagnahmten seinen Besitz, die Goldbarren, den Schmuck und das Bargeld. Das Wohnmobil versteigerte der Zoll im Auftrag der Justiz. Die gesetzliche Grundlage heißt “Verfall” und “Einziehung”. Sie ist in den Paragraphen 73 und 74 des Strafgesetzbuches festgelegt. Der Münchner Rechtsanwalt Andreas Fischer, Spezialist für Strafrecht, erklärt: “Der Verfall gilt nicht als Strafe, sondern als Ausgleichsmaßnahme.” Mit Hilfe dieser Konstruktion verhindern die Richter, dass Straftäter einen Nutzen aus ihren illegalen Geschäften behalten. “Per Verfall legt der Staat die Hand auf alle Einnahmen aus rechtswidrigen Taten. Dabei gilt das Bruttoprinzip”, sagt Fischer. Schätzen die Ermittler, dass ein Dealer 100 000 Euro umgesetzt hat, kann sein Vermögen bis zu dieser Höhe für verfallen erklärt werden – egal wie viel er selbst für das Rauschgift bezahlt hat. Fischer: “Die Einbeziehung betrifft Tatwerkzeuge. Dazu gehören Fahrzeuge, Flugtickets, Mobiltelefone, Laboreinrichtungen und Computer. Sie gehen in den Besitz des Staates über.” Sogar die Tasche, in der ein Kurier das Rauschgift transportiert hat, wird als Tatwerkzeug betrachtet. Die Drogen selbst und natürlich sämtliche Waffen werden stets eingezogen. Bayernweit und über das Jahr gerechnet summiert sich die Gewinnabschöpfung bei Straftätern zu einer Höhe, die sogar den Landtag interessiert. Für das Jahr 2002 hatte der Finanzminister mit 5,1 Millionen Euro Einnahmen gerechnet, tatsächlich sind es 2,6 Millionen geworden.
Bernd Hein




