Nichts liegt Liebenden ferner

… als der Gedanke, sich vor dem anderen zu schützen. Doch Aids nimmt auf Liebe keine Rücksicht – auch nicht auf die erste

Eigentlich hatte sich die 17-jährige Tamara fest vorgenommen, ein Kondom zu benutzen, wenn sie das erste Mal mit ihrem 18-jährigen Freund Robin schlafen würde. “Wegen Aids und so. Aber als es dann so weit war, waren wir schon eine ganze Weile zusammen, und ich hab auch schon die Pille genommen. Außerdem vertrauen wir uns. Er hat von mir ja auch keinen Aids-Test verlangt. Auf das Kondom zu bestehen, das wäre mir vorgekommen, als würde ich Robin unterstellen, dass er mit jeder rummacht oder dass er Aids haben könnte. Beides kann ich mir einfach nicht vorstellen.” Der 18-jährige Tom kann über die Laxheit seiner Altersgenossen beim Thema Aids nur den Kopf schütteln. Tom ist HIV-positiv. Obwohl er nicht “mit jeder rummacht”. Tom wurde kurz nach seiner Geburt durch eine Blutkonserve infiziert. Das Robert-Koch- Institut (RKI) in Berlin hat bundesweit 1164 neu diagnostizierte HIV-Infektionen allein im ersten Halbjahr 2005 verzeichnet. Das sind 20 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.Nach den Alarmphasen der 80er- und 90er-Jahre wird in Deutschland das Risiko einer HIV-Infektion offensichtlich wieder unterschätzt. Betrachteten vor zehn Jahren noch 60 Prozent der Deutschen Aids als eine der gefährlichsten Krankheiten, sieht das heute nur noch ein Drittel so. Gleichzeitig hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZGA) im Rahmen ihrer jährlichen repräsentativen Befragung “Aids im öffentlichen Bewusstsein” schon seit Jahren auf ein stagnierendes Schutzverhalten und auf Wissenslücken gerade bei den jüngeren Bevölkerungsgruppen hingewiesen. Diese Entwicklung hat sich im vergangenen Jahr noch verschärft. So verzichteten der letzten BZGA-Umfrage zufolge immerhin 30 Prozent der über 16-jährigen Befragten beim ersten Sexualkontakt mit einem neuen Partner auf ein Präservativ. Und besonders Jugendliche verhielten sich im Hinblick auf Ansteckungsgefahren wieder sehr viel sorgloser als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. “Es ist einfach so, dass ihnen der persönliche Bezug fehlt”, sagt Alois Gerbl. “Das Thema ist aus der öffentlichen Diskussion ja so gut wie verschwunden, nur die wenigsten Jugendlichen kennen jemanden, der von HIV oder Aids betroffen ist. Sie wissen theoretisch um die Risiken, fühlen sich aber praktisch selten betroffen.” Alois Gerbl arbeitet für die Münchner Aids-Hilfe. Seine Aufgabe: Jugendliche über Aids aufzuklären. Seit mehr als 15 Jahren machen das Institutionen wie die Münchner Aids-Hilfe und die Aids- Beratungsstellen der Gesundheitsämter das nun schon. Vor einem Jahr sahen angesichts der Umfragewerte auch das Kultus- und das Gesundheitsministerium in Bayern Handlungsbedarf. Unter dem Motto “Liebe in Zeiten von Aids” (LIZA) haben die beiden Ministerien gemeinsam Richtlinien für ein Präventionsprogramm an bayerischen Schulen herausgebracht. Das Ziel: jungen Menschen verantwortungsvolles Handeln nahe zu legen. Dazu gehört freilich mehr als die reine Wissensvermittlung darüber, was Aids ist, wie man sich davor schützen kann und welche Therapien es gibt, wenn man HIV-positiv ist. Will man gegen Gruppendruck und Medieneinflüsse Standfestigkeit beweisen, gilt es, vorher das Selbstbewusstsein zu stärken, soziale Kompetenzen zu trainieren, alternative Verhaltensweisen auszuprobieren und über Begriffe wie Partnerschaft, Sexualität und verschiedene Rollenbilder zu diskutieren. Hehre Ziele der Staatsregierung. Nur: Fest im Lehrplan verankert ist das nicht. Es liegt allein im Ermessen der Schulleitung oder einzelner Lehrer, ob und in welchem Rahmen die Kampagne an den Schulen umgesetzt wird. “Manche Schulen arbeiten da wirklich sehr vorbildlich mit uns zusammen”, erklärt Gerbl. “Da hat der Lehrer das Thema bereits im Biologie-, Ethik-, Religions- oder Sozialkundeunterricht aufgegriffen und die Jugendlichen vorbereitet. Es gibt aber auch Schulen, da wird im Biologieunterricht ganz abstrakt das Virus abgehandelt und fertig.” Und wie ist das eigentlich, vor einer Klasse Pubertierender zu stehen und über Sex und die damit verbundenen Risiken zu referieren? “Spätestens nach der Aufwärmrunde herrscht ein überwiegend interessiertes und offenes Gesprächsklima”, erklärt Gerbl. In der Aufwärmrunde fragt der Aids-Experte beispielsweise, wer von den Jugendlichen schon einmal Kondome gekauft oder verwendet hat, wer von den Eltern, wer im Freundeskreis oder durch Medien aufgeklärt wurde oder ob jemand einen HIV-Infizierten oder Aids- Kranken kennt. Und er lässt sie ein Kondom auspacken und anfassen. Dennoch: Die Gefahr bleibt für die Jugendlichen auch nach einer solchen Veranstaltung noch ziemlich abstrakt. Vermutlich wäre es wirkungsvoller, wenn jemand wie Tom sich vor eine Klasse stellen oder, noch zielgruppenspezieller, in der “Bravo” über seine Erfahrungen berichten würde. Tom will mit der Krankheit ja auch an die Öffentlichkeit, “denn Aids wird schnell vergessen”.Vor allem bei Jugendlichen, die vor dem ersten Mal schließlich noch jede Menge anderer Fragen und Ängste zu bewältigen haben. Deshalb hat Tom im letzten Jahr in der Online-Ausgabe der Zeitschrift “Mädchen” einen Artikel geschrieben. Das Feedback war enorm. Und er hat an einem Dokumentarfilm des Bayerischen Rundfunks über Aids mitgewirkt, der im Rahmen der Aids-Aufklärung an Schulen gezeigt wird. Für eine Foto-Aids-Story mit Sprechblasen oder als HIV-Infizierter mit Balken über den Augen würde er sich jedoch nicht zur Verfügung stellen. “Irgendwann habe ich mich geweigert, die Tabletten zu nehmen. Also ist meine Mutter mit mir zu Herrn Sollinger, und da haben sie es mir gesagt.” Das war vor sieben Jahren. Franz Sollinger ist Sozialpädagoge in der Immundefektambulanz (IDA) der Haunerschen Kinderklinik. Dort werden Kinder und Jugendliche aus ganz Bayern, die mit HIV infiziert sind, und ihre Familien langfristig psychosozial betreut. Dazu gehört neben der Diagnosemitteilung nach außen vor allem die Vorbereitung des Kindes auf die Krankheit. “Die meisten Eltern verschweigen den Grund für die Besuche hier bei uns erst mal”, erzählt Sollinger. “Sie weichen den Fragen des Kindes nach der Behandlung aus oder ignorieren sie gar, und irgendwann fangen die Kinder an, ihre Eltern zu schonen, indem sie einfach keine Fragen mehr stellen. Das kann zwei oder auch drei Jahre gut gehen – je nachdem, wie alt das Kind ist.Auf Dauer ist es aber einfach nicht möglich, den Kindern etwas vorzumachen.” So war das auch bei Tom. “Damit fängt für uns meistens eine vollkommen andere Art der Betreuung, manchmal auch der Medikation an”, erklärt Franz Sollinger. “Von dem Moment an können wir unser Augenmerk mehr auf den Patienten richten, abgekoppelt vom Familienkontext. Das ist vor allem in der Pubertät wichtig,wenn die eigene Sexualität zum Thema wird.Wenn es um Wünsche, Träume, Ängste und Zweifel geht, die auch ein HIV-infizierter Jugendlicher nicht unbedingt zuallererst mit den eigenen Eltern besprechen will.” Zu diesem Zweck veranstalten Franz Sollinger und sein Team Jugendwochenenden ohne Eltern. Dort geht es um Fragen wie:Wie gehe ich mit der Diagnose um? Muss ich meine Eltern einbeziehen, wenn ich anderen von meiner Krankheit erzählen will? Wie verhalte ich mich gegenüber einem potenziellen Partner? Welche Verantwortung trage ich, welche Vorkehrungen muss ich treffen, und welche rechtlichen Konsequenzen hat mein Handeln? Gehe ich das Risiko ein, nichts zu sagen und beim ersten sexuellen Kontakt auf ein Kondom zu bestehen, auf die Gefahr hin, dass ich mich später rechtfertigen muss, weil ich es nicht vorher gesagt habe? Oder offenbare ich mich schon lange vor dem ersten sexuellen Kontakt und riskiere damit, dass alles vielleicht schon vorbei ist, bevor es überhaupt angefangen hat? “Bei den Jugendwochenenden ergeben sich sehr spannende Diskussionen”, erzählt Franz Sollinger: “Denn nicht selten steht den Jugendlichen der Umgang mit ihrer Krankheit innerhalb der Familie bei der Verwirklichung eigener Vorstellungen im Weg. Oft ist die Krankheit ein Familiengeheimnis. Und selbst wenn innerhalb der Familie alle davon wissen, ändert sich nur bei den wenigsten etwas an der Haltung nach außen.Und das macht es auch den betroffenen Jugendlichen schwer, sich Freunden gegenüber oder in Liebesbeziehungen zu offenbaren.” Das Präventionsprogramm “Liebe in Zeiten von Aids” könnte also durchaus etwas bewirken. Bei infizierten wie nicht-infizierten Jugendlichen. Vorausgesetzt, es erreicht sie, bevor sie sexuell aktiv werden: Ichstärke, Selbstwertgefühl, die Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, Toleranz und Mitmenschlichkeit gegenüber HIV-Infizierten und Aids-Kranken, überhaupt Offenheit gegenüber anderen Lebensweisen helfen betroffenen wie nicht-betroffenen Jugendlichen, ihre erste oder eine neue Liebe verantwortungsbewusst und trotzdem vertrauensvoll zu leben. Denn auch, wenn es in Vergessenheit geraten ist: Heute ist jede Liebe eine Liebe in Zeiten von Aids. Auch die von Tamara und Robin. Und Vertrauen entsteht nur da, wo man ehrlich miteinander spricht.
Daniela Walther

Dem Dienstplan ausgeliefert

Pflege nach der Stoppuhr muss nicht sein. Es geht auch menschlicher, ohne dass es teurer wird

Am Ende bestimmen die Dienstpläne des Pflegepersonals den Tagesablauf der Pflegebedürftigen. Aufstehen-Waschen- Anziehen um Viertel vor sechs. “Auf, auf, Frau Maier.” In den Nachbarzimmern warten noch sechs weitere Bewohner auf die helfenden Hände der Altenpflegerin. “Lassen Sie mich Ihr Gebiss putzen, das geht schneller.” Bis das Frühstück kommt, sollen alle, die ihr Bett verlassen können, fix und fertig gerichtet sein für den Tag. Das Frühstück kommt in anderthalb Stunden. Die Altenpflegerin kann also 13 Minuten verwenden für einmal Aufstehen-Waschen-Anziehen. Da sollten keine persönlichen Bedürfnisse dazwischenkommen. Und während sie sich durch das vom Heim vorgegebene Arbeitspensum rackert, sitzt Frau Maier ratlos im Sessel. Sie hat gar nicht genau mitbekommen, wie ihr ins Kleid geholfen wurde, weil sie seit Jahren unter niedrigem Blutdruck leidet und ihr Kopf sich morgens schwindlig anfühlt. Früher, als Frau Maier daheim wohnte, hat sie die Tage deshalb stets langsam angehen lassen und das Anziehen auf den Mittag verschoben. Das ist vorbei, weil es sich mit dem Pflegeplan des Wohnbereichs nicht vereinbaren lässt. Die Struktur von Pflegeheimen beschneidet die persönliche Freiheit der Bewohner an vielen Stellen. Darunter leiden nicht nur die Alten, die sich nach einem langen selbstbestimmten Leben an Umstände gewöhnen müssen, die sie weder gewollt noch mitgestaltet haben. Darunter leiden auch die Pflegekräfte, die zu professionellen und sensiblen Bewahrern menschlicher Autonomie und Würde ausgebildet worden sind. Jeden Tag empfinden sie den Zwiespalt zwischen ihren Möglichkeiten und der Realität, die ihnen keinen Freiraum lässt. Diesen Druck kann niemand unbeschadet überstehen. “Es schaut brutal aus mit der Menschenwürde in deutschen Altenheimen”, sagt Leo Greska. Er arbeitet seit 48 Jahren als Heimleiter und Krankenhausdirektor und hat seine Erfahrung in ein deutliches Urteil über die Misere gefasst: “Die Missstände sind von der Leitungsebene der Heime verursacht. Dort wird Geld verschlampt, das dann für die Betreuung der Bewohner fehlt. Stellen Sie sich einen Verband als Heimträger vor, der sich drei Geschäftsführer samt Vorzimmern und so weiter leistet. Ich verstehe nicht, wozu das nötig sein soll.” Vor einiger Zeit leitete Greska ein Heim im oberpfälzischen Pleistein. Er richtete es nach seinen Vorstellungen ein: schlanke Verwaltung, alle Kraft in die Betreuung der Bewohner. Als er sein Konzept beim “Pflegestammtisch” in München vorstellte, sagte man ihm: “Na, wer weiß, ob das alles stimmt, was du uns erzählst. Und außerdem: Das funktioniert vielleicht in der Provinz, aber hier in München kann man so etwas nicht machen.” Deshalb packt Greska jetzt noch einmal an. “Ich bin zwar schon 66 Jahre alt und könnte mir gut vorstellen, als Ruheständler in Südtirol zu leben, aber diese Aufgabe hat mich doch mehr gedrückt. Vielleicht ist es Eitelkeit, vielleicht ist es meine Überzeugung, etwas bewegen zu können.” Bestimmt aber treibt ihn der Wunsch, den großen Heimträgern zu beweisen, dass es möglich ist. Greska leitet die Errichtung des Seniorenzentrums “Wohnen am Schlossanger” in Höhenkirchen-Siegertsbrunn, einer Gemeinde im südlichen Landkreis München. Das Motto des Projekts heißt: “Alle Mitarbeiter richten ihre Tätigkeit nach der Devise aus: Die Bewohner sind unsere Arbeitgeber.” Weil es diesen Arbeitgebern so gut wie irgend möglich gehen soll, ist Leo Greska nicht bereit, Kompromisse zu schließen. Das beginnt bei der Baufinanzierung. “Üblicherweise werden die Kosten für die Errichtung eines Appartements mit 95 000 bis 120 000 Euro beziffert. Wir liegen bei 75 000 Euro und entlasten damit den Pflegesatz erheblich.” Greska lässt nach denselben Qualitätskriterien bauen, die auch in anderen Heimen üblich sind. “Ich kann nicht sagen, warum wir mit weniger Geld auskommen, vermute aber, dass bei anderen Trägern erhebliche Beträge in Planung, Verwaltung und in die so genannten gemeinsamen Dienste fließen, von denen ich bis heute nicht weiß, was sie genau sind.” Der Fahrplan ist festgelegt. Greska will am 16. Dezember Richtfest feiern, am 6. Juni 2006 soll die Einweihung stattfinden, und wenn die Bewohner ab Juli einziehen möchten, werden sie 72 Wohneinheiten vorfinden. “Ich habe schon erlebt, dass in neu errichteten Heimen ein halbes Jahr auf eine so genannte Pre-opening- Phase verschwendet wurde.” Greska schnaubt: “Und das nur, weil die Zuständigen nicht organisieren können.” Lebensqualität und Menschenwürde im Altenheim liegen zunächst in den Händen der Heimleitung. Sie stellt die Richtlinien auf, an denen sich das Leben orientiert. Dabei sind Details genauso wichtig wie grundsätzliche Entscheidungen. “Am Schlossanger wird es nur Einzelzimmer geben. Nach geltendem Recht könnten wir auf den 20 Quadratmetern auch zwei Menschen unterbringen, doch alle Anschlüsse sind nur auf einen Bewohner ausgelegt”, sagt Greska. Die Privatsphäre in den eigenen Wänden ist ein Teil der Menschenwürde. Alles andere nennt Greska “Pflegefabrik” oder “Intensivhaltung”. Leo Greska hat für das “Wohnen am Schlossanger” 31 goldene Regeln aufgeschrieben. Eine davon heißt: “Der Personalschlüssel wird voll ausgeschöpft.” Dieser Satz, der die Basis für optimale Pflege darstellt, ist nur scheinbar eine Selbstverständlichkeit. “In vielen Heimen wird aus Gewinnerzielungsabsicht zu wenig Personal eingestellt, und gleichzeitig sagen die Verantwortlichen, sie würden nicht mehr Leute bekommen. Für meine Heime hatte ich immer genug Mitarbeiter.” Greska zählt vor allem auf die neue, sehr kritische Generation der Pflegenden. “Menschenwürdige Pflege lässt sich nur erzielen, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen.” Und an diesem Strang hängen auch die Kleinigkeiten des Alltags. “Es geht mir nicht in den Kopf, warum in vielen Heimen nur Tee kostenlos ausgeschenkt wird. Bei uns wird es selbstverständlich Bohnenkaffee, Mineralwasser, Limo und Saft zur freien Verfügung geben, und wenn Besucher kommen, werden sie kostenlos Kaffee und Kuchen erhalten.” Auch die Küche wird ganz anders organisiert sein.”Falls ein Bewohner Appetit auf ein Schnitzel bekommt, obwohl er vielleicht vorher ein Tellerfleisch bestellt hat, muss diese Änderung problemlos möglich sein.” Die Freiheit zu spontanen Essensgelüsten ist ein Teil der Selbstbestimmung. Und immer wieder stellt sich die Frage, ob Menschenwürde im Alter bezahlbar ist. Leo Greska will beweisen, dass größtmögliche Freiheit nicht an ein dickes Bankkonto gebunden ist. Das Pflegeheim “Am Schlossanger” wird sogar preiswerter sein als andere Einrichtungen. Üblicherweise liegt der Pflegesatz beispielsweise für Pflegestufe II in München bei etwa 102 bis 105 Euro pro Kalendertag. “Wir werden sicher nicht mehr brauchen als 95 Euro.Genau kann ich es noch nicht sagen, da der Pflegesatz von vielen Variablen abhängt.” Greska hat einen Tabubruch geplant. “Wir werden unsere Bücher öffentlich führen, das heißt, nicht nur in regelmäßigen Abständen Bilanzen herausgeben, sondern einen direkten Online-Zugang zu unseren Büchern für das Ministerium, die Krankenkassen und andere Kostenträger schaffen.” Sofern die Zahlen keinen Rückschluss auf einzelne Personen zulassen, gebe es keinen Konflikt mit dem Datenschutz. Der Transparenz wird auch eine Schautafel in der Eingangshalle des Heimes dienen, die den täglich aktualisierten Personalschlüssel zeigt. “Soweit eine Stelle länger als 14 Tage nicht besetzt ist, verpflichten wir uns, dem Bewohner den eingesparten Aufwand ab dem 15. Tag zurückzuzahlen.” Menschenwürde zeigt sich auch darin, dass hilfsbedürftige Heimbewohner nur die Assistenz bezahlen müssen, die sie tatsächlich in Anspruch nehmen können. “Dieses Konzept bricht radikal mit dem Finanzgebaren, das sonst in Heimen üblich ist. Bei großen Verbänden lässt sich von außen nicht einmal die Kostenstruktur eines einzelnen Hauses herausrechnen, weil lediglich eine Bilanz des Gesamtkonzerns zur Verfügung steht”, sagt Greska. Die Sicherheit, den einmal gewählten Wohnraum bis zum Lebensende behalten zu können, wird “Am Schlossanger” garantiert sein. “Jeder Bewohner bleibt in seinem Appartement wohnen, auch wenn die geistigen oder körperlichen Fähigkeiten nachlassen. Einen alten Baum soll man nicht verpflanzen”, so Greska. Die Freiheit, über den eigenen Aufenthalt zu bestimmen, ist im Grundgesetz verankert, wird aber aus organisatorischen Gründen in vielen Heimen ausgehebelt. Leo Greska sagt, sein eigenes Alter habe ihn möglicherweise veranlasst, über all diese Dinge nachzudenken. “Eines ist ja völlig klar, so schön kann ein Pflegeheim gar nicht sein, dass ein Mensch gern dorthin möchte.” Und gerade deswegen fühlt er sich in die Pflicht genommen.
Bernd Hein

“Die Missstände sind von der Leitungsebene der Heime verursacht. Dort wird Geld verschlampt, das dann für die Betreuung der Bewohner fehlt.”

Schutzräume

Gerade im Winter ist es für obdachlose Menschen wichtig, schnell und unbürokratisch Hilfe zu bekommen

Dr. Manfred Hammel ist ziemlich sauer. „Von der staatlichen Pflicht zum Schutz der Menschenwürde ist in den Hartz-IV-Gesetzen keine Rede mehr“, sagt der Sozialwissenschaftler, der im Auftrag des Caritasverbandes Stuttgart Obdachlose und Arme in kniffligen juristischen Fällen berät. Hammel beobachtet seit Jahren eine schleichende Abkehr vom Artikel 1 des Grundgesetzes und meint: „Mittlerweile hat sich die Meinung von konservativ-liberal eingestellten Staatsrechtlern durchgesetzt. Diese behaupten, dass die Menschenwürde im Sinne des Grundgesetzes nicht gleichzusetzen sei mit der Menschenwürde im Sinne des neuen Sozialhilferechts.“ Die Gesetzgebung folge immer häufiger neoliberalen Grundsätzen, die amerikanische Sozialstandards nun schrittweise auch nach Deutschland bringen würden. „Es hat doch wirklich nichts mehr mit Menschenwürde zu tun, wenn auch aufgrund dieser Politikentwicklung etwa acht Prozent der Bevölkerung auf Sozialhilfeniveau leben müssen, darunter über 1,6 Millionen Kinder“, sagt Hammel. „Und das in einem ansonsten reichen Land!“ Sind diese Menschen der Armut schutzlos ausgeliefert? Obwohl die politischen Rahmenbedingungen zweifellos härter geworden sind, setzen sich zahlreiche Organisationen und Vereine für Bürger in Not ein. München, Hauptbahnhof. „Bahnhofsmission“ steht am Gleis 11 auf einem weißen Schild, das den Weg direkt in eine wichtige Schutzzone lenkt. Gleich hinter dem Eingang können Besucher auf einer Holzbank Platz nehmen oder nach links in den Warteraum gehen. Dort werden Butterbrote verteilt, eine große Kanne Tee steht bereit. „Für persönliche Gespräche oder eine Beratung,wie man jemanden in eine andere soziale Einrichtung vermitteln kann, haben wir noch drei kleine Büros“, sagt Monika Plank und zeigt auf einen schmalen Gang, von dem mehrere Zimmer abgehen. Die 64-jährige katholische Ordensschwester leitet zusammen mit ihrer evangelischen Kollegin Gabriele Ochse die Bahnhofsmission und setzt sich dort seit 18 Jahren für die Hilfesuchenden ein. „Wir vermitteln den Menschen, dass es hier drinnen anders ist als draußen. Alle werden gleich behandelt, jeder hat ein Recht auf Schutz“, sagt Schwester Monika. Schnelles, unbürokratisches und unkonventionelles Handeln im Sinne der Nächstenliebe, so lautet das offizielle Motto, nach dem sich die elf angestellten Mitarbeiter richten.Hinzu kommen rund 80 ehrenamtliche Helfer. Zu tun gibt es genug: Täglich verteilen sie mehrere hundert Butterbrote, schenken rund 70 Liter Tee aus und beraten bis zu 50 Besucher. Und das rund um die Uhr, auch an Feiertagen. „Wir behandeln unsere Besucher nach dem Grundsatz der Menschenwürde, das ist selbstverständlich!“, sagt Diplompädagogin Gabriele Ochse. Ob Obdachlose, beklaute Geschäftsleute, Drogenabhängige, gestresste Mütter, Behinderte, verwirrte Jugendliche, Familien oder ratlose Reisegruppen – willkommen ist ausnahmslos jeder. Viele der Besucher am Gleis 11 haben nur 345 Euro monatlich zur Verfügung. Oft zu wenig für ein menschenwürdiges Leben. „Diese festgesetzte Regelleistung ist zu niedrig, vor allem in Anbetracht der hohen Münchner Lebenshaltungskosten“, meint Gabriele Ochse. Dass der Sozialstaat seit geraumer Zeit abgespeckt wird, spüren die Mitarbeiter der Bahnhofsmission an den Nöten ihrer Besucher. Sie selbst sind noch nicht von Kürzungen betroffen, erhalten Zuschüsse von den kirchlichen Trägern sowie der Stadt und zahlen bei der Bahn keine Miete – immerhin. Das Angebot bleibt bestehen. „Ich fürchte, dass die versteckte Armut und auch Verschuldungen zunehmen werden. Denn viele Menschen, die in Zukunft von den neuen Sozialgesetzen betroffen sein werden, fallen auf das niedrige finanzielle Niveau der Regelsätze, und sie sind es nicht gewohnt, mit so viel weniger auszukommen“, sagt Schwester Monika. Bahnhofsmissions-Mitarbeiter beobachten, dass Aggressivität, Hilflosigkeit und Frust wegen der neuen Regelungen bereits zunehmen. Oft liegen die Gründe hierfür zwar in bürokratischen Hürden, manchmal jedoch reichen die gezahlten Beträge schlicht zum Leben nicht aus. Der im Grundgesetz garantierte Schutz der Menschenwürde scheint in diesen Fällen weit entfernt zu sein. Dr. Manfred Hammel formuliert das drastischer: „Hartz IV bedeutet Armut per Gesetz“, so der Sozialrechtsexperte. „Obwohl an allen Ecken und Enden Arbeitsplätze fehlen, ist die Hilfe zum Lebenserhalt an Arbeit gekoppelt. Dabei braucht der Mensch zunächst ein ausreichendes Maß an Lebensqualität, um dann seine Arbeitskraft voll einsetzen zu können.“ Zudem könne von der offiziell propagierten „Hilfe aus einer Hand“ keine Rede sein. Die Grundsicherung für Arbeitssuchende und die Sozialhilfe würden als zwei komplizierte Systeme wahrgenommen, die Antragsteller häufig einiges an Zeit und Kraft kosteten. „Manche Menschen werden in Notfällen wie etwa bei Miet- oder Stromschuldenübernahmen zwischen den beiden Systemen regelrecht wie zwischen zwei Mühlsteinen zerrieben“, so Hammel. Sie wird geschützt, die Menschenwürde. Vielleicht neuerdings nicht mehr ganz so überzeugend per Gesetz, aber beeindruckend in der Praxis. Von Hunderten Mitarbeitern sozialer Einrichtungen allein in München. Ab und an verbessern sich sogar die Bedingungen für Obdachlose, wie das Beispiel der Unterkunft für Männer in der Pilgersheimer Straße 11 zeigt. Dort wurde in diesem Jahr in einer aufwändigen Umbauaktion von Vier- auf Zweibettzimmer umgestellt. „Für unseren Auftrag ist diese neue Konzeption ideal“, meint Leiter Gerhard Baier. „Unsere Besucher haben jetzt mehr Privatsphäre, der Rückzugsraum für jeden Einzelnen hat sich verbessert.“ Mittlerweile stehen 176 Betten zur Übernachtung zur Verfügung, davon sechs in Einzel- und der Rest in Doppelzimmern. Und wie steht es generell mit der Menschenwürde der jährlich 1400 Personen, die zum Übernachten oder für Beratungsdienste vorbeischauen? „Wir betreuen und behandeln jeden mit Respekt. Und wir sind rund um die Uhr da, falls es Probleme geben sollte“, sagt Baier. Auf den respektvollen Umgang mit Wohnungslosen legt auch Anton Auer großen Wert. Der Leiter der Teestube „komm“ in der Zenettistraße betrachtet seine Einrichtung durchaus als Schutzraum: „Unsere Besucher werden hier zum Beispiel vor öffentlichen Blicken geschützt und vor Wind und Wetter. Sie können sich auf einen menschenwürdigen Umgang verlassen.“ Im Angebot sind ein großer Aufenthaltsraum, ein TVZimmer, eine Besucherküche, Duschen und Beratungsbüros. Der Bedarf ist groß, wie die täglich 100 bis 200 Besucher zeigen. „Das Leben auf der Straße ist auf Dauer menschenunwürdig. Deshalb unterstützen wir Obdachlose dahingehend, sie in Wohnraum zu vermitteln“, sagt Auer. Pro Jahr betreuen und beraten er und seine Mitarbeiter knapp 1100 Menschen. Überdies organisieren die Macher der Teestube mehrere Streetworkbüros und betreute Wohneinheiten.Manchmal zählen zur Menschenwürde auch Kleinigkeiten wie die Renovierung des Aufenthaltsraums – eine fürs nächste Jahr geplante Aktion. Der Schutz der Menschenwürde ist nicht billig. Eine Binsenweisheit. Doch immer häufiger verkünden Meinungsmacher, dass sich unsere Gesellschaft umfassende Sozialleistungen nicht mehr leisten könne. Stimmt nicht, sagt Dr. Manfred Hammel. „Sogar die Kohl- Regierung musste Mitte der 90er-Jahre eingestehen, dass die Finanzierung der Kosten für Obdachlosigkeit siebenmal teurer ist als die Verhinderung von Obdachlosigkeit. Bei Berücksichtigung aller Sekundärfolgen der hierdurch häufig dauerhaft bewirkten Ausgrenzung erweisen sich die populistischen Forderungen nach weiteren Streichungen sogar rein finanziell betrachtet als falsch.“ Ein systematischer Abbau des Hilfesystems für Obdachlose räche sich immer, da die zuständigen Träger im Falle neuer Krisen unzureichend vorbereitet seien und nicht flexibel reagieren könnten. Gut, dass dennoch zahlreiche Einrichtungen existieren. „Karla 51“ etwa, das Frauenobdach mit 40 Einzelzimmern und einem Café. Dort finden Frauen Schutz, oft mit ihren Kindern. Manch eine der Bewohnerinnen hat zuvor bereits einmal in der Bahnhofsmission am Hauptbahnhof eine Nacht verbracht. „Das ist allerdings nur dann möglich, wenn es kurzfristig keine anderen Unterbringungsmöglichkeiten gibt. Aber es gehört für uns genauso zum christlichen Auftrag wie unsere anderen Angebote“, sagt Schwester Monika. Der Schutzraum im Bahnhofsgebäude hat eine lange Tradition: 1897 gründeten katholische und evangelische Organisationen in München die erste Bahnhofsmission Deutschlands. Heute, fast 110 Jahre später, blickt man aus den Fenstern der Einrichtung auf die gepflasterte Auffahrt eines Luxushotels. Die Kosten pro Nacht für ein Standardzimmer liegen dort bei 345 Euro – exakt so viel, wie hilfsbedürftige Menschen als Regelleistung pro Monat bekommen.

Günter Keil

Hauchfeine Hüter

Schutzengel soll es wirklich geben. Doch mittlerweile überbringen sie eher unverständliche Botschaften aus den Tiefen des Ich

„Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten mögen auf allen deinen Wegen.“ (Psalm 91,11) Nötig gehabt hätte Paula, 6 Monate, diesen Taufspruch vermutlich nicht. Denn glaubt man der Bibel, stellt Gott jedem Kind bereits bei seiner Geburt einen Schutzengel zur Seite, der es liebt,wie es ist und es sein Leben lang begleitet. Viele Taufsprüche beinhalten dennoch vor allem Forderungen, wie ein Kind zu sein habe, damit Gott es liebt, und Drohungen, was ihm geschehen würde,wenn es dem nicht entspräche. Engel an Paulas Seite, die sie behüten würden, auf allen ihren Wegen – der Gedanke gefiel ihrer Patin. Das Wort Engel geht auf das hebräische Wort mal’ak zurück, was – ebenso wie das griechische angelos – so viel wie Bote heißt. Engel werden im Alten wie im Neuen Testament – und demzufolge sowohl im Juden- und Christentum als auch im Islam – für selbstverständlich gehalten. In fast allen Religionen gelten sie als Überbringer einer anderen, tieferen Wirklichkeit, als Mittler zwischen Gott und den Menschen. Allein in der Bibel ist über dreihundertmal von Engeln die Rede und sie sind darin, so der Münchner Theologe Alfred Rott, „weniger eine Frage des Glaubens als der Erfahrung“. Wer also die Bibel als Offenbarung Gottes ernst nimmt, kommt an den Engeln gar nicht vorbei. So haben zu allen Zeiten Menschen von wundersamen Erlebnissen mit Engeln berichtet. Die bekannte Mystikerin Hildegard von Bingen (1079–1179) hatte, ebenso wie Johanna von Orléans, Engelvisionen. Beide Frauen waren eingebunden in die christliche Glaubenswelt ihrer Zeit.Heutzutage dagegen räumen selbst jene Menschen, die sich als Atheisten bezeichnen würden, die Existenz von Engeln, besonders die von Schutzengeln, ein. In einer vor ein paar Jahren veröffentlichten Umfrage des Allensbach Instituts für Meinungsforschung gaben 37 Prozent der Deutschen an, an Engel zu glauben. Die Existenz von Schutzengeln hielten der Umfrage zufolge sogar über 50 Prozent der Befragten für sehr wahrscheinlich. „Es ist“, beschrieb es Dr. Eugen Drewermann für das Internet-Portal www.offenes-forum-glaube.de, „als trete hier ein Bedürfnis zu Tage, dass nach einer anderen Religion verlangt, als sie vom tradierten Kirchenglauben repräsentiert wird. Die Lehre von Gott als dem Vater und Richter erfüllt viele eher mit Angst und Scheu als mit Vertrauen und Zuversicht, und so drückt sich aus dem Glauben an Engel eigentlich so etwas wie eine Sehnsucht aus nach dem, was Religion eigentlich vermitteln sollte.“ Experten vermuteten damals schon hinter dem steigenden Bedürfnis nach Spiritualität und Weisheit die zunehmende Technisierung und Verwissenschaftlichung der äußeren Lebenswelt als Ursache. Da fragt man sich doch, zu welchem Ergebnis eine solche Umfrage heute, da permanent von der „German Angst“ die Rede ist, kommen würde. Bücher wie Pater Anselm Grüns „Jeder Mensch hat einen Engel“ oder „50 Engel für die Seele“ finden jedenfalls reißenden Absatz. Darin baue der Benediktinermönch, so ein Leser des Buches, Brücken zu den ganz persönlichen Ängsten unserer Zeit. „Wer den Mut hat, sich den Wurzeln seiner Ängste zu stellen, wird feststellen, dass sein Schutzengel ihn durchaus unterstützt, die eigene Lebensspur zu finden“, da sind sich Autor und Rezensent einig. Mit seinen Meditationstexten zu jedem Engel bietet Pater Anselm darüber hinaus eine anschauliche Möglichkeit des Nachdenkens darüber, wie wir die im übrigen sehr alltagstauglichen Engel wie den „Engel der Diskretion“, den „Engel der Freundschaft“, den „Engel der Entspannung“, den „Engel des Schweigens“ oder den „Engel des Humors“ in unseren Alltag integrieren können. Denn Engel,weiß Pater Anselm, sind sich ihrer Aufgabe in der Schöpfung bewusst und erfüllen sie mit Hingabe. Für sie geht es um nichts anderes, als uns Menschen Wege zu zeigen, wie wir zu uns selbst finden. Ihre Aufgabe ist es, unsere verlorenen Fähigkeiten und Qualitäten auszugleichen und uns das Rüstzeug dafür zu geben, dass wir „Engel“ für unsere Mitmenschen sein können. „Grundsätzlich kann jeder sie fühlen, und sie sind auch immer da“, erklärt Manuela Plate, diplomierte Persönlichkeitstrainerin und Expertin fürs Feinstoffliche. „Die Frage ist nur, ob man die Botschaften der Engel wahrnehmen will. Ob man sich einlassen will auf sich selbst und wie offen man ist für den Gedanken, dass es noch mehr gibt als das, was wir sehen und mit unserem Verstand begreifen können. Das Befassen mit Engeln schickt im Grunde voraus, dass man sich mit sich selbst und mit dem, was man ist und was einen als Mensch ausmacht, beschäftigt.“ In der Antike und im Mittelalter dachte der Mensch noch kosmologisch. Er sah die Welt als Ganzes, in dem jedes Teil, ob sichtbar oder unsichtbar, seinen Platz und seine Bedeutung hatte.Heute stützen wir unser Wissen allein auf die Erkenntnisse der Naturwissenschaften, die freilich keinen Beweis liefern können, ob Engel existieren oder nicht, geschweige denn, ob sie in der Welt nötig sind oder nicht. In einer individuellen Gedankenwelt, die mehr als Wissenschaftliches zulässt, muss die Existenz von Engeln nicht angezweifelt werden. „Wir bezweifeln ja auch nicht, dass es die Luft gibt – obwohl wir sie nicht sehen können“, sagt Manuela Plate. Nicht anders verhalte es sich mit den Engeln. „Jedes Geschöpf besteht unter anderem aus Energie und Schwingung – so auch Engel. Und genau über diese Energie und Schwingung kommunizieren sie mit uns. Das kann über Musik, über Farben, über Stimmungen, Bilder oder über Gefühle sein. Schutzengel wissen um deinen Lebensweg und deine Lebensaufgabe. Und weil sie das wissen, können sie auch hier und da etwas für dich tun.“ Dennoch, und darauf legt Manuela Plate großen Wert,muss jeder seinen Weg selbstständig und in eigener Verantwortung gehen. Engel greifen nur dann ein, wenn ihr Schützling vorher eine Botschaft in Form eines Wunsches oder Gefühls an sie losgeschickt hat. „Nur erhalten wir eben nicht immer die Botschaften, die wir erwarten oder die unser Ego annehmen kann“, erklärt Manuela Plate. „Wenn du das, was dein Schutzengel dir über den Weg des Gefühls oder der Intuition mitteilt, zu diesem Zeitpunkt noch nicht annehmen oder umsetzen kannst“, tröstet Plate, „so ist dies nichts Verwerfliches. Ein Schutzengel respektiert deinen freien Willen und wacht weiterhin über dich. Dann wartet er eben, bis du in der Lage bist, die Botschaft zu verstehen, und eine Entscheidung triffst, die für deine Weiterentwicklung notwendig ist.“ – Und so ein Engel hat Zeit, denn er hat eine Engelsgeduld. Loslassen, heißt die Botschaft an sich. Loslassen und vertrauen, dass wir jemanden an unserer Seite haben, der uns durch dick und dünn begleitet – komme, was da kommen mag. Der Bibel zufolge sind Engel nicht durch die Materialität (Körperlichkeit) und damit auch nicht durch Sinnenhaftigkeit behindert und verfügen daher auch über eine größere Gotteserkenntnis als der Mensch. Und da sie eine größere Erkenntnis haben, haben sie auch einen stärkeren Willen. Engel brauchen daher bei Entscheidungen nichts zu beraten und zu überlegen. Sie haben klarste Erkenntnis. Zielsicher treffen sie Entscheidungen. Und daran, erklärt Manuela Plate, könnte man auch erkennen, ob man es bei der „inneren Stimme“, die man hin und wieder vernimmt, mit seinem Schutzengel oder lediglich mit seinem ängstlichen oder dominanten Ego zu tun habe. „Engel helfen schnell, effektiv und unmittelbar.“ So ähnlich sieht das auch Alfred Rott: „Ohne dogmatische Verengung und esoterische Schwärmerei kann man sagen, dass Engel Erscheinungen sind, die ebenso unsichtbar und dennoch real wie unser menschliches Denken und Fühlen existieren. Das deckt sich auch mit Erkenntnissen anderer Religionen und Weltanschauungen. Engel können als Person wahrgenommen werden und sogar Namen tragen oder als Energiefeld erlebt werden – und zwar von jedem Menschen. Dabei ist es allein die Entscheidung des Einzelnen, wie weit er sich diesem Wesen oder Energiefeld öffnet.“ Von protestantischer Seite werden Engelserscheinungen jedweder Art eher kritisch betrachtet. Die römisch-katholische Kirche und die orthodoxen Kirchen stehen dem Engelglauben dagegen relativ offen gegenüber. So wird die Homepage des Vatikans www.vatican.va unter Insidern „Gabriel“ genannt – wie der Erzengel der Verkündigung. Die Firewall zum Schutz vor Computerviren heißt nach dem Erzengel „Michael“, der auch als Wächter des Himmels bekannt ist. Und das Intranet, das nur für die Angestellten zugänglich ist, trägt den Namen „Raphael“, nach jenem Erzengel, der stets im Geheimen arbeitet. „Wir brauchen den Extraschutz der Erzengel einfach“, sagte Schwester Judith Zoebelein, Leiterin der Vatikan-Homepage, einmal. Wer braucht den nicht? In diesem Sinne: „Vergesst die Gastfreundschaft nicht! Denn durch diese haben einige, ohne es zu wissen, Engel beherbergt.“ (Hebräerbrief 13,2)

Daniela Walther

Die Bewertung macht’s

Arbeit wird immer knapper und Menschen ohne Arbeit immer unglücklicher. Ist der zufriedene Arbeitslose ein neues Tabu?

Man stelle sich vor,Arbeitslose würden ein Selbstbewusstsein entwickeln. Etwa so: „Wir sind arbeitslos, weil es immer weniger Arbeit gibt, aber wir kommen klar und versuchen das Beste aus dieser Situation zu machen.“ Sie könnten, sie sollten diese Einstellung haben, doch je mehr Bürger zwangsweise aus dem Arbeitsprozess ausgeschlossen werden, desto mehr Einsatz wird von ihnen bei der Jobsuche erwartet und desto größer wird die Sinnstiftung, die man jeglicher Arbeit zuspricht. Die öffentliche Meinung: Ein passables Leben ohne Arbeit ist gar nicht möglich, auch wenn man sein Auskommen hat. Dabei zeigen reiche Menschen, dass man nicht unbedingt Lesen Sie weiter bei »Die Bewertung macht’s«…

Peinliche Lernquelle

Statt Fehler unter den Teppich zu kehren, sollte man sie lieber analysieren. Doch dazu muss man zugeben können, dass sie möglich sind

Gisbert Großmann schwitzt unter seinem Jackett, als er sich seinem Chef gegenüber an den runden Tisch im Besprechungsraum setzt, um seine Zwischenbilanzen für das Geschäftsjahr 2005 zu präsentieren. Seine Zahlen bilden die Grundlage für wichtige Entscheidungen des Unternehmensvorstands. Großmann hat wochenlang bis spät abends gearbeitet. Er hat Buchungen kontrolliert, Rückstellungen gebildet, Soll-Ist-Vergleiche erstellt. Trotzdem bleiben gewisse Unsicherheiten in den Daten. Von den Bedenken des Controllers will der Chef aber nichts hören, er möchte “Fakten, keine Wahrscheinlichkeiten!”. Großmann schweigt also, doch ihm bleibt ein ungutes Gefühl. “Es gibt keine Fehlerkultur in dem Unternehmen, in dem ich arbeite”, kritisiert er. “Das bedeutet, man hat immer Angst. Denn ich weiß, wenn ich einen Fehler mache, bin ich weg.” Vor allem in Berufen mit großer Verantwortung und auf höheren Hierarchieebenen werden Fehler oft tabuisiert. Das ist selbst dann der Fall, wenn Arbeitgeber offiziell Anderslautendes verkünden: “Fehler sind menschlich. Man kann über alles reden. Das kann jedem passieren, Hauptsache, kein zweites Mal.” Doch wenn dann wirklich etwas schief geht, sind die Auswirkungen für den Schuldigen schwer abzuschätzen. Annegret Bolte, Arbeitsforscherin am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung in München (ISF), beobachtet in Unternehmen zwei Tendenzen, mit Fehlern umzugehen: In Firmen mit einer “Null-Fehler-Philosophie” lautet das Ziel “Wir machen keine Fehler”. Die Folge ist, dass Fehler vertuscht, verleugnet oder anderen zugeschoben werden. Die zweite Variante läuft unter dem Schlagwort “lessons learned”. Man will aus den gemachten Fehlern lernen, indem man sie analysiert und künftig vermeidet. “Das hört sich klasse an,wird aber gewöhnlich nicht realisiert”, weiß Annegret Bolte aus zahlreichen Interviews mit Arbeitnehmern. “Wer in einer mittleren Führungsposition sitzt, hat seine Zielvereinbarungen mit dem Vorgesetzten. Wenn die nicht erreicht werden, weil einem ein Fehler unterlaufen ist, bringt das nur Nachteile.” Wo Bonuszahlungen auf dem Spiel stehen und ein Karriereknick droht, liegt es nahe, den Fehler zu verheimlichen oder die Schuld von sich zu weisen. Probleme, die sich abzeichnen, werden bis zum Übergabetermin einer Arbeit ignoriert und verdrängt. In manchen Berufssparten mit besonders hohem Sicherheitsrisiko hat man mittlerweile erkannt, dass dieses allzu menschliche Verhalten nicht verantwortbar ist und die gemachten Fehler eine viel zu kostbare Lernquelle darstellen, als dass man sie ungenutzt lassen könnte. Seit 20 Jahren gehört deshalb in der Luft- und Raumfahrt – neben dem kontinuierlichen Training kritischer Situationen im Simulator – das systematische Sammeln und Auswerten von Fehlern zum Sicherheitskonzept. Voraussetzung dafür ist, dass Piloten, Fluglotsen oder Mechaniker ihre Fehler, die zu riskanten Situationen führten oder beinahe geführt hätten, ohne Angst vor Sanktionen offen legen können. Dazu wurde ein freiwilliges anonymes Fehlermeldesystem – ein so ge- nanntes “Critical Incident Reporting” – entwickelt. Wer eine Risikosituation verursacht hat, ist aufgefordert, die Umstände möglichst detailliert zu schildern und an die jeweilige “Fehlermeldestelle” zu senden. Die Berichte werden dort erfasst, analysiert und per Internet über eine gesicherte Verbindung (closed user group) der Berufsgruppe zur Verfügung gestellt. Obwohl es keine umfassende Statistik über medizinische Behandlungsfehler gibt, vermuten Patientenverbände, dass es in Deutschland jährlich 25 000 Sterbefälle durch Ärztefehler gibt. Ärztefehler werden eher vertuscht oder als “Kunstfehler” schöngeredet, doch seit einiger Zeit übernehmen Mediziner das anonyme Critical Incident Reporting zur Verbesserung der Patientensicherheit. Zunächst machten medizinische Fachdisziplinen wie zum Beispiel die Anästhesiologie (Narkosemedizin) vom Critical Incident Reporting Gebrauch. Nach schweizerischem und britischem Vorbild haben seit einem Jahr nun auch deutsche Hausärzte die Möglichkeit, unter www. jeder-fehler-zaehlt.de” von falschen Diagnosen, Behandlungsfehlern oder verwechselten Rezepten zu berichten. Seit September werden ausgewählte “Fehler der Woche” mit Kommentaren und Anregungen von Kollegen und Kolleginnen in der Ärztezeitung veröffentlicht. Auch deutsche Krankenhäuser führen zunehmend Critical Incident Reporting ein. Auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie im April 2005 in München referierte der Flugkapitän und Leiter der Abteilung Flugsicherheit bei der Lufthansa AG, Manfred Müller, über “Sicherheitskultur” und das Konzept, durch Fehleranalyse Risiken zu minimieren. Die Strategien können, nach Müllers Ansicht, ohne weiteres vom Cockpit auf den OP übertragen werden. Auswertungen von Critical Incidents in der Fliegerei sowie in der Medizin zeigen, dass die Ereignisse fast immer mehrere Ursachen haben und nur selten durch das Versagen eines Einzelnen verschuldet sind. Es ist gewöhnlich eine Kette ungünstiger Ereignisse, die zur Krisensituation führt. Zu den auslösenden Faktoren zählen etwa übermäßige Arbeitsbelastung, ungenügende oder falsche Ausbildung, Differenzen im Team, mangelnde Ressourcen, fehlende Kontrollfunktionen und – mit Abstand am häufigsten genannt – Probleme in der Kommunikation. Viele Behandlungsfehler ließen sich wahrscheinlich vermeiden, wenn sich die Ärzte mehr Zeit für die Beratung und Behandlung ihrer Patienten nähmen. Allein mit dem Offenlegen der Fehler ist es noch nicht getan. Das Reportingsystem erfüllt nur dann seinen Zweck, wenn die ermittelten systembedingten Fehlerquellen durch Verbesserung der Arbeitsbedingungen und -strukturen sowie durch bessere Aus- und Weiterbildung deutlich reduziert werden. Das Tabu “Ärztefehler” hat nach Ansicht eines Münchner Chirurgen, der hier nicht namentlich genannt werden möchte, auch eine sinnvolle Seite. Die Erwartung der Unfehlbarkeit werde nicht nur von den Ärzten selbst genährt, sondern auch von den Patienten. “Heilung hat viel mit dem Glauben und der Hoffnung zu tun, dass es besser wird. Die Leute suchen das,wenn sie zum Arzt gehen.” Wenn man den Patienten den Glauben an die Mediziner nehme, schmälere man dadurch die Hoffnung auf Genesung, meint der Chirurg. Neben der medizinischen Leistung spiele der “Placeboeffekt” in der Medizin eben eine nicht zu unterschätzende Rolle. Neueste Forschungen zur Homöopathie hätten dies gerade belegt.
Simone Kayser

Die letzte Ehre

Wenn ein obdachloser Mensch stirbt, arrangiert die Friedhofverwaltung im Auftrag der Kommune die Bestattung. Sofern der Tote nichts hinterlassen hat und dessen Verwandte kein Geld dafür haben, das Begräbnis auszurichten, übernimmt die Stadt die Kosten. Bei der Abschiedsfeier steht in der Aussegnungshalle der Sarg mit einem Trockenblumengesteck, ein paar Minuten lang spielt Musik, dann geht der Vorhang zu und die Zeremonie ist beendet. Außer einem Angestellten der Friedhofverwaltung ist oft niemand dabei. Nach der Verbrennung wird die nummerierte Urne in einer so genannten Gitternische zehn Jahre aufbewahrt und dann in ein anonymes Gräberfeld überführt. Diese Sammelbestattungen sind zweimal jährlich, man darf nicht daran teilnehmen, die Termine sind geheim. In Deutschland wird nicht würdelos mit den obdachlosen Toten umgegangen, trotzdem haben mich diese Trauerfeiern sehr aufgeregt. Deshalb bestand eine meiner ersten Handlungen bei BISS darin, verstorbenen BISS-Verkäufern eine ordentliche Aussegnungsfeier mit Pfarrer, Blumen und Leichenschmaus zu organisieren. Die lebenden Verkäufer sollten Trost darin finden, dass wir den Toten die letzte Ehre erweisen. Im Frühjahr waren zur Beerdigung unseres Verkäufers Jürgen Muck zahlreiche BISS-Verkäufer erschienen, um an der Trauerfeier teilzunehmen. Beim anschließenden Leichenschmaus wurde wieder ganz deutlich, wie tief es sie schmerzte, dass es für Menschen wie sie wohl kein Grab geben würde. Dass die sterblichen Überreste ihres Kollegen verschwinden sollten, als hätte es ihn nie gegeben, hat die BISSler sehr schockiert. Sie machten viele hilflose Andeutungen, fragten, ob es nicht möglich sei, Jürgen Muck „normal“ zu beerdigen, damit man auch einmal an sein Grab gehen könne. Und da beschlossen wir, diese letzten Dinge zu regeln und nicht mehr länger hinauszuschieben. Wir mussten diese Last von unseren Verkäufern nehmen. Sie sollten beerdigt werden, wie jeder andere Tote auch. Also haben wir mit unseren Verkäufern gesprochen, haben Angebote über Sterbegeldversicherungen, Informationen von Beerdigungsinstituten, der Stadt und der Friedhofverwaltung eingeholt. Zuerst haben wir überlegt, ob eine Art Familiengrab für BISS-Verkäufer möglich wäre, haben uns dann aber doch für ganz normale Gräber entschieden. Das Ergebnis unserer Bemühungen stellte ich schließlich auf einer Verkäufersitzung vor. Es war eine der bewegendsten Versammlungen, die ich je erlebt habe. Ich blickte erst in skeptische, dann in strahlende Gesichter, in viele verdächtig glitzernde Augen, und mehrmals wurde mir, als die Sitzung beendet war, beim Gehen verstohlen die Hand gedrückt. Wenn ich jemals Zweifel hatte, ob es richtig sei, Geld auch für tote Verkäufer auszugeben, dann waren sie spätestens da endgültig ausgeräumt. Und so haben wir seit dem 1. Oktober eine Gruppen-Sterbegeldversicherung für die angestellten und unsere ältesten nicht angestellten Verkäufer, für insgesamt 35 Personen. Die Versicherung kostet für alle im Jahr etwas weniger als eineinhalb Patenschaften. Die Verkäufer sind die Begünstigten, BISS ist der Versicherungsnehmer und in einem Todesfall bekommt BISS 5000 Euro für Beerdigung, Blumen und Leichenschmaus, Grabstein und Grabpflege für mindestens zehn Jahre. Sollten sich Familienmitglieder finden, die die Beerdigung ausrichten oder den Leichnam überführen möchten, so stellen wir ihnen auf Nachweis das Geld zur Verfügung. Nachdem nun monatelang bei BISS über Gräber und Beerdigungen gesprochen wurde, sind wir alle glücklich, das Thema ad acta legen und uns wieder mit dem Leben befassen zu können. Unser letzter Vorsatz in Sachen „letzte Ehre“ war: Wenn es finanziell möglich ist, werden wir Jürgen Muck nächstes Jahr im Ostfriedhof beisetzen lassen. Auf dem Grabstein wird sein Name stehen. Dann können ihm unsere BISS-Verkäufer Blumen aufs Grab legen, an Allerheiligen auf den Friedhof gehen und ihren Freund und Kollegen besuchen. Das würde Jürgen sicher freuen, aber ganz bestimmt wird es unsere Verkäufer trösten.

Es grüßt Sie ganz herzlich
Ihre Hildegard Denninger

Über Geld spricht man nicht

Vor allem nicht darüber, wo es herkommt. Dieses gesellschaftlich vereinbarte Stillschweigen sichert Herrschaftsstrukturen wie kein anderes

In Deutschland gibt es immer mehr Millionäre. Im vergangenen Jahr sollen es 760 300 gewesen sein, 4400 mehr als 2003. Diese Zahlen stammen aus dem „World Wealth Report“, der von der Investmentbank Merril Lynch veröffentlicht wird. Je nach Definition leben noch mehr Reiche unter uns: Laut Armuts- und Reichtumsbericht der rot-grünen Regierung haben 1,6 Millionen Deutsche ein Vermögen von mindestens einer Million US-Dollar, das sind 500000 Millionäre mehr als 1998. All diese Daten sind jedoch mit Vorsicht zu genießen. Der Grund: Reichtum lässt sich nur sehr schwer erforschen.Milliarden von Euro sind im Ausland vor dem Zugriff des deutschen Finanzamts sicher, Abschreibungstricks verschleiern die wahren Wohlstandsverhältnisse. Zudem wird man den Einruck nicht los, dass Geld grundsätzlich mit einem Tabu behaftet ist. Während die alte Bundesregierung auf mehreren hundert Seiten die Armut erforscht, widmet sie dem Reichtum nur ein Minikapitel. Es gebe „vielfältige Erkenntnisdefizite“, räumt sie selbst ein. „Die Bewertung von Reichtum ist ambivalent. In Gesellschaften, deren Leitbilder sich über die wirtschaftliche Leistungsorientierung und den ökonomischen Erfolg definieren, wird er weitgehend positiv bewertet.Zugleich wird jedoch die mit ihm gegebene Konzentration des Produktivvermögens für gesellschaftliche Ungleichheiten und eine zunehmende soziale Polarisierung mitverantwortlich gemacht.“ So steht es im Brockhaus. Und tatsächlich: Einerseits ist die Anhäufung von Geld ein Leitbild, nach dem sich große Teile der Gesellschaft richten. Andererseits wird immer mehr Menschen bewusst, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnet. Die Angst, zum Verlierer zu werden, steht dem Wunsch gegenüber, es zum Millionär zu bringen. „Die Akzeptanz unseres Wirtschaftssystems hat einen historischen Tiefststand erreicht. In Zeiten exorbitanter Managergehälter, nicht reinvestierter Unternehmensgewinne und steigender leistungsloser Einkommen verliert das Leistungsprinzip in breiten Bevölkerungsschichten seine Legitimation. Die Dummen sind immer diejenigen, die hart arbeiten“, meint Dierk Hirschel, Chefökonom des DGB-Bundesvorstands. Zwar gibt es noch eine breite Mittelschicht, doch eine kleine Geldelite wird offenbar immer einflussreicher und agiert größtenteils im Verborgenen. Provokante Thesen. SPD-Parteichef Franz Müntefering entfachte im Frühjahr dieses Jahres eine hitzige Debatte, als er das vermeintliche Tabu brach und über einige Methoden sprach, die zu Reichtum führen. „Wie Heuschreckenschwärme fallen Fonds über Unternehmen her, grasen ab und ziehen weiter“, lautete ein Teil seiner Kapitalismuskritik. Zudem thematisierte er Managergehälter, Raffgier und Egoismus.„Sozialistischer Schwachsinn!“, urteilte daraufhin Guy Wyser-Pratte, einer der mächtigsten internationalen Investoren. Verändert hat sich seitdem kaum etwas. Der Reichtum wächst, die Armut steigt. Und die „Heuschrecken“ sind aktiver denn je. Private-Equity-Firmen und Hedgefonds beteiligen sich an Unternehmen oder übernehmen diese ganz.Aber nur kurz. Schließlich haben sie das Ziel, nach spätestens einigen Jahren mit deutlichem Gewinn zu verkaufen. Wie man innerhalb kürzester Zeit Reichtümer erwerben kann, zeigte im Sommer Haim Saban. Der berühmtberüchtigte Investor sicherte sich 2003 mit seinen Partnern die Mehrheit beim TV-Konzern ProSiebenSat1 für rund 830 Millionen Euro. Nachdem er Personal entlassen und Kosten reduziert hatte, verkaufte er die Sendergruppe für 2,5 Milliarden Euro an den Springer-Konzern. Kritik? Im Gegenteil. Zum Abschied gab es ein dickes Lob von Ministerpräsident Edmund Stoiber: „Haim Saban verdient Anerkennung, weil er in schwieriger Zeit das Unternehmen konsolidiert und den Börsenkurs in sicheres Fahrwasser geführt hat. Sein Engagement ist und bleibt für den Medienstandort Deutschland sehr positiv.“ Der freundliche Umgang mit Großverdienern hat Tradition. Daran ändert auch Steuerflucht nichts – Milliardäre wie Friedrich Karl Flick oder Sportmillionäre wie Michael Schumacher werden zumeist hoch geschätzt, auch wenn sie in Deutschland keine Steuern zahlen. Werden Reiche bevorzugt behandelt? Ist es tabu, über die Quellen ihres Reichtums zu sprechen? Pauschal gilt dies sicher nicht.Man kann jedoch stutzig werden, wenn man beobachtet, mit welcher Mischung aus Bewunderung und Unterwürfigkeit Millionäre in bestimmten Kreisen hofiert werden. Geld und Macht verschaffen Respekt. Im Fall von Thomas und Florian Haffa etwa, die wegen manipulierter Geschäftszahlen ihrer AG EMTV zu insgesamt 1,44 Millionen Euro Strafe verurteilt wurden. Tausende Kleinanleger verloren durch die Tricksereien der Brüder Geld – die beiden haben inzwischen neue Firmen gegründet und werden in den Klatschspalten bunter Blätter als gern gesehene Partygäste präsentiert. In der Grauzone des Geflechts aus Politikern, Lobbyisten und Unternehmern passiert ebenfalls Sonderbares. Exkanzler Helmut Kohl, dessen Strafverfahren in der Schwarzgeld-Affäre gegen Zahlung einer Geldbuße von 700 000 Mark eingestellt wurde, ist mittlerweile wieder ein gefeierter Star auf Unions-Parteitagen. Ein ehemaliger Staatssekretär seiner Regierung, Ludwig-Holger Pfahls, wurde am Tag seiner Verurteilung sogar ganz öffentlich rehabilitiert: Richter Maximilian Hofmeister verbeugte sich im August dieses Jahres vor dem Angeklagten, drückte ihm die Hand und dankte für seine Kooperationsbereitschaft. Das Foto dieses Augenblicks sorgte für Entsetzen – ein selbstsicherer, strahlender Pfahls und ein scheinbar unterwürfiger Richter. Dass der Verurteilte 1,9 Millionen Euro von einem Waffenlobbyisten entgegengenommen hatte und zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt wurde, schien vergessen. Gewissenlose Investoren, raffgierige Kapitalisten, tabuisierter Reichtum, korrupte Politiker, skrupellose Heuschrecken. Ein beängstigendes Bild, zweifellos. Doch auch eine sehr einseitige Sichtweise. Denn in der Diskussion um Arm und Reich, um Bevorzugung und Benachteiligung, um Gerechtigkeit und Moral, wird nicht wenig geheuchelt. Laut einer Forsa-Umfrage meinen 79 Prozent der Befragten, dass der Staat seine Bürger nicht ausreichend vor den Auswüchsen des Kapitalismus schützt. Darunter sind allerdings oft genau jene, die sonst über zu viel Einfluss des Staates klagen. Viele von ihnen handeln selbst wie kleine „Heuschrecken“. Indem sie Aktien kaufen und auf ordentliche Dividenden hoffen. Indem sie viel Energie darauf verwenden, die billigsten Lebensmittel oder Elektroartikeln ausfindig zu machen. Und damit genau das bewirken, was sie kritisieren: sinkende Löhne, steigende Konzentration, einseitiger Zuwachs von Reichtum. Die Aldi-Inhaber Theo und Karl Albrecht besitzen ein geschätztes Privatvermögen von 27 Milliarden. Ob sie damit wohltätige Organisationen unterstützen, ist nicht bekannt. Forderungen nach einem stärkeren Engagement Reicher fürs Gemeinwohl sind die Ausnahme. Wohlhabende stehen anscheinend unter Artenschutz, wofür der SZ-Redakteur Heribert Prantl in einem Kommentar treffende Worte fand: „Eigentum verpflichtet, steht im Grundgesetz. Die Realität in Deutschland hat bisher diesen Verfassungssatz Lügen gestraft. Der Gesetzgeber betrieb Reichtumspflege in der vergeblichen Hoffnung darauf, dass Steuerentlastungen Beschäftigungseffekte erzielen. Privater Spitzenreichtum schafft aber keine Arbeitsplätze.“ Mindestens fünf Billionen Euro. So viel besitzen die deutschen Haushalte laut Armut- und Reichtumsbericht. Das Geld ist sehr ungleichmäßig verteilt. Während eine Hälfte der Bevölkerung nur vier Prozent der gesamten Werte besitzt, verfügen die reichsten zehn Prozent über 47 Prozent. Auch die Höhe der Einkommen driftet auseinander. Verdiente 1967 ein Vorstandsmitglied der Deutschen Bank noch 44-mal so viel wie ein durchschnittlich verdienender Arbeitnehmer, war der Multiplikator 2003 schon 240. Vor einem Jahr wurde eine Zeit lang kontrovers über diese Entwicklung diskutiert – mittlerweile ist es wieder stiller um die Reichen geworden – das Tabu greift. „Die reichsten 10 Prozent der abhängig Beschäftigten konzentrieren heute 26 Prozent des Gesamteinkommens auf sich“, sagt Dr. Dierk Hirschel vom DGB. Gut, dass wenigstens einige Reiche erkannt haben, dass Geben mindestens genauso schön sein kann wie Nehmen: Im Jahr 2004 wurden 852 neue gemeinnützige Stiftungen ins Leben gerufen, 51 mehr als im Vorjahr. Macht insgesamt knapp 13 000 Stiftungen. Das ist in Anbetracht von 81 Millionen Bürgern zwar nicht viel, aber immerhin ein Anfang.

Günter Keil

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