… als der Gedanke, sich vor dem anderen zu schützen. Doch Aids nimmt auf Liebe keine Rücksicht – auch nicht auf die erste
Eigentlich hatte sich die 17-jährige Tamara fest vorgenommen, ein Kondom zu benutzen, wenn sie das erste Mal mit ihrem 18-jährigen Freund Robin schlafen würde. “Wegen Aids und so. Aber als es dann so weit war, waren wir schon eine ganze Weile zusammen, und ich hab auch schon die Pille genommen. Außerdem vertrauen wir uns. Er hat von mir ja auch keinen Aids-Test verlangt. Auf das Kondom zu bestehen, das wäre mir vorgekommen, als würde ich Robin unterstellen, dass er mit jeder rummacht oder dass er Aids haben könnte. Beides kann ich mir einfach nicht vorstellen.” Der 18-jährige Tom kann über die Laxheit seiner Altersgenossen beim Thema Aids nur den Kopf schütteln. Tom ist HIV-positiv. Obwohl er nicht “mit jeder rummacht”. Tom wurde kurz nach seiner Geburt durch eine Blutkonserve infiziert. Das Robert-Koch- Institut (RKI) in Berlin hat bundesweit 1164 neu diagnostizierte HIV-Infektionen allein im ersten Halbjahr 2005 verzeichnet. Das sind 20 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.Nach den Alarmphasen der 80er- und 90er-Jahre wird in Deutschland das Risiko einer HIV-Infektion offensichtlich wieder unterschätzt. Betrachteten vor zehn Jahren noch 60 Prozent der Deutschen Aids als eine der gefährlichsten Krankheiten, sieht das heute nur noch ein Drittel so. Gleichzeitig hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZGA) im Rahmen ihrer jährlichen repräsentativen Befragung “Aids im öffentlichen Bewusstsein” schon seit Jahren auf ein stagnierendes Schutzverhalten und auf Wissenslücken gerade bei den jüngeren Bevölkerungsgruppen hingewiesen. Diese Entwicklung hat sich im vergangenen Jahr noch verschärft. So verzichteten der letzten BZGA-Umfrage zufolge immerhin 30 Prozent der über 16-jährigen Befragten beim ersten Sexualkontakt mit einem neuen Partner auf ein Präservativ. Und besonders Jugendliche verhielten sich im Hinblick auf Ansteckungsgefahren wieder sehr viel sorgloser als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. “Es ist einfach so, dass ihnen der persönliche Bezug fehlt”, sagt Alois Gerbl. “Das Thema ist aus der öffentlichen Diskussion ja so gut wie verschwunden, nur die wenigsten Jugendlichen kennen jemanden, der von HIV oder Aids betroffen ist. Sie wissen theoretisch um die Risiken, fühlen sich aber praktisch selten betroffen.” Alois Gerbl arbeitet für die Münchner Aids-Hilfe. Seine Aufgabe: Jugendliche über Aids aufzuklären. Seit mehr als 15 Jahren machen das Institutionen wie die Münchner Aids-Hilfe und die Aids- Beratungsstellen der Gesundheitsämter das nun schon. Vor einem Jahr sahen angesichts der Umfragewerte auch das Kultus- und das Gesundheitsministerium in Bayern Handlungsbedarf. Unter dem Motto “Liebe in Zeiten von Aids” (LIZA) haben die beiden Ministerien gemeinsam Richtlinien für ein Präventionsprogramm an bayerischen Schulen herausgebracht. Das Ziel: jungen Menschen verantwortungsvolles Handeln nahe zu legen. Dazu gehört freilich mehr als die reine Wissensvermittlung darüber, was Aids ist, wie man sich davor schützen kann und welche Therapien es gibt, wenn man HIV-positiv ist. Will man gegen Gruppendruck und Medieneinflüsse Standfestigkeit beweisen, gilt es, vorher das Selbstbewusstsein zu stärken, soziale Kompetenzen zu trainieren, alternative Verhaltensweisen auszuprobieren und über Begriffe wie Partnerschaft, Sexualität und verschiedene Rollenbilder zu diskutieren. Hehre Ziele der Staatsregierung. Nur: Fest im Lehrplan verankert ist das nicht. Es liegt allein im Ermessen der Schulleitung oder einzelner Lehrer, ob und in welchem Rahmen die Kampagne an den Schulen umgesetzt wird. “Manche Schulen arbeiten da wirklich sehr vorbildlich mit uns zusammen”, erklärt Gerbl. “Da hat der Lehrer das Thema bereits im Biologie-, Ethik-, Religions- oder Sozialkundeunterricht aufgegriffen und die Jugendlichen vorbereitet. Es gibt aber auch Schulen, da wird im Biologieunterricht ganz abstrakt das Virus abgehandelt und fertig.” Und wie ist das eigentlich, vor einer Klasse Pubertierender zu stehen und über Sex und die damit verbundenen Risiken zu referieren? “Spätestens nach der Aufwärmrunde herrscht ein überwiegend interessiertes und offenes Gesprächsklima”, erklärt Gerbl. In der Aufwärmrunde fragt der Aids-Experte beispielsweise, wer von den Jugendlichen schon einmal Kondome gekauft oder verwendet hat, wer von den Eltern, wer im Freundeskreis oder durch Medien aufgeklärt wurde oder ob jemand einen HIV-Infizierten oder Aids- Kranken kennt. Und er lässt sie ein Kondom auspacken und anfassen. Dennoch: Die Gefahr bleibt für die Jugendlichen auch nach einer solchen Veranstaltung noch ziemlich abstrakt. Vermutlich wäre es wirkungsvoller, wenn jemand wie Tom sich vor eine Klasse stellen oder, noch zielgruppenspezieller, in der “Bravo” über seine Erfahrungen berichten würde. Tom will mit der Krankheit ja auch an die Öffentlichkeit, “denn Aids wird schnell vergessen”.Vor allem bei Jugendlichen, die vor dem ersten Mal schließlich noch jede Menge anderer Fragen und Ängste zu bewältigen haben. Deshalb hat Tom im letzten Jahr in der Online-Ausgabe der Zeitschrift “Mädchen” einen Artikel geschrieben. Das Feedback war enorm. Und er hat an einem Dokumentarfilm des Bayerischen Rundfunks über Aids mitgewirkt, der im Rahmen der Aids-Aufklärung an Schulen gezeigt wird. Für eine Foto-Aids-Story mit Sprechblasen oder als HIV-Infizierter mit Balken über den Augen würde er sich jedoch nicht zur Verfügung stellen. “Irgendwann habe ich mich geweigert, die Tabletten zu nehmen. Also ist meine Mutter mit mir zu Herrn Sollinger, und da haben sie es mir gesagt.” Das war vor sieben Jahren. Franz Sollinger ist Sozialpädagoge in der Immundefektambulanz (IDA) der Haunerschen Kinderklinik. Dort werden Kinder und Jugendliche aus ganz Bayern, die mit HIV infiziert sind, und ihre Familien langfristig psychosozial betreut. Dazu gehört neben der Diagnosemitteilung nach außen vor allem die Vorbereitung des Kindes auf die Krankheit. “Die meisten Eltern verschweigen den Grund für die Besuche hier bei uns erst mal”, erzählt Sollinger. “Sie weichen den Fragen des Kindes nach der Behandlung aus oder ignorieren sie gar, und irgendwann fangen die Kinder an, ihre Eltern zu schonen, indem sie einfach keine Fragen mehr stellen. Das kann zwei oder auch drei Jahre gut gehen – je nachdem, wie alt das Kind ist.Auf Dauer ist es aber einfach nicht möglich, den Kindern etwas vorzumachen.” So war das auch bei Tom. “Damit fängt für uns meistens eine vollkommen andere Art der Betreuung, manchmal auch der Medikation an”, erklärt Franz Sollinger. “Von dem Moment an können wir unser Augenmerk mehr auf den Patienten richten, abgekoppelt vom Familienkontext. Das ist vor allem in der Pubertät wichtig,wenn die eigene Sexualität zum Thema wird.Wenn es um Wünsche, Träume, Ängste und Zweifel geht, die auch ein HIV-infizierter Jugendlicher nicht unbedingt zuallererst mit den eigenen Eltern besprechen will.” Zu diesem Zweck veranstalten Franz Sollinger und sein Team Jugendwochenenden ohne Eltern. Dort geht es um Fragen wie:Wie gehe ich mit der Diagnose um? Muss ich meine Eltern einbeziehen, wenn ich anderen von meiner Krankheit erzählen will? Wie verhalte ich mich gegenüber einem potenziellen Partner? Welche Verantwortung trage ich, welche Vorkehrungen muss ich treffen, und welche rechtlichen Konsequenzen hat mein Handeln? Gehe ich das Risiko ein, nichts zu sagen und beim ersten sexuellen Kontakt auf ein Kondom zu bestehen, auf die Gefahr hin, dass ich mich später rechtfertigen muss, weil ich es nicht vorher gesagt habe? Oder offenbare ich mich schon lange vor dem ersten sexuellen Kontakt und riskiere damit, dass alles vielleicht schon vorbei ist, bevor es überhaupt angefangen hat? “Bei den Jugendwochenenden ergeben sich sehr spannende Diskussionen”, erzählt Franz Sollinger: “Denn nicht selten steht den Jugendlichen der Umgang mit ihrer Krankheit innerhalb der Familie bei der Verwirklichung eigener Vorstellungen im Weg. Oft ist die Krankheit ein Familiengeheimnis. Und selbst wenn innerhalb der Familie alle davon wissen, ändert sich nur bei den wenigsten etwas an der Haltung nach außen.Und das macht es auch den betroffenen Jugendlichen schwer, sich Freunden gegenüber oder in Liebesbeziehungen zu offenbaren.” Das Präventionsprogramm “Liebe in Zeiten von Aids” könnte also durchaus etwas bewirken. Bei infizierten wie nicht-infizierten Jugendlichen. Vorausgesetzt, es erreicht sie, bevor sie sexuell aktiv werden: Ichstärke, Selbstwertgefühl, die Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, Toleranz und Mitmenschlichkeit gegenüber HIV-Infizierten und Aids-Kranken, überhaupt Offenheit gegenüber anderen Lebensweisen helfen betroffenen wie nicht-betroffenen Jugendlichen, ihre erste oder eine neue Liebe verantwortungsbewusst und trotzdem vertrauensvoll zu leben. Denn auch, wenn es in Vergessenheit geraten ist: Heute ist jede Liebe eine Liebe in Zeiten von Aids. Auch die von Tamara und Robin. Und Vertrauen entsteht nur da, wo man ehrlich miteinander spricht.
Daniela Walther




