Ungewöhnliche BISS Aktion: Pfandflaschen als Werbemedium – BISS wirbt Flaschensammler als Verkäufer an

Das Münchner Straßenmagazin BISS startete am Donnerstag, den 6.10., mit Unterstützung von Sozialreferentin Brigitte Meier, Charles Schumann, „Sportfreunde Stiller“, Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec eine einzigartige Anwerbeaktion. Weil es zunehmend Menschen in München gibt, die von Armut bedroht sind, sucht BISS aktuell Mitarbeiter, die das monatlich erscheinende Straßenmagazin verkaufen. Es sollen mit der Aktion mehr Bedürftige erfahren, welche Chance eine Anstellung bei BISS bietet.

Klebten Etiketten für die BISS-Kampagne zur Gewinnung neuer Verkäufer: Abt Johannes und Frater Emmanuel von der Abtei St. Bonifaz, die Tatort-Kommissare Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl, der weltberühmte Barkeeper Charles Schumann, Sozialreferentin Brigitte Meier und die Sportfreunde Stiller. Vielen Dank!
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Wettbewerbsfilm zur BISS-Pfandflaschenaktion

Eine Hager Moss Film Produktion / nach einer Idee von DDB Tribal Berlin / Johannes Hicks

BISS-Ausgabe Februar 2012 | Eiskalt

Cover der BISS-Ausgabe Februar 2012

Cover der BISS-Ausgabe Februar 2012

Aktuelles | 6 Die Abschiebealm: Sie wollten frei sein und landeten im Gefängnis: Auf einem alten Hof im Bayerischen Wald leben Männer aus dem Irak, Afghanistan und Afrika – eingesperrt in Mehrbettzimmern. Seit Monaten haben sie keinen Kontakt mehr zur Außenwelt. Ein Besuch bei den Flüchtlingen | 12 Wie braun ist unsere Stadt? Seit Jahren morden Rechtsradikale in Deutschland. Wie sieht die Szene in München aus? Müssen wir Angst vor rechter Gewalt haben? Ein Gespräch mit den beiden Experten Klaus Joelsen und Marcus Buschmüller | 16 Tanz ins Glück:  Wo gehen ältere Menschen hin, die einen neuen Partner suchen? Ein Abend im Maratonga – dem einzigen Münchner Tanzcafé für Junggebliebene | 20 Geiz ist geil?  Über zwanzig Prozent der Münchner mit Vollzeitjob sind Niedriglöhner. Viele arbeiten im Einzelhandel. Wir haben uns in der Branche umgehört und waren einkaufen – mit einem Gewerkschafter | Schreibwerkstatt | 4 Standplatz | 24 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | 30 Janas Kolumne:  Wunder der Technik | Rubriken | 3 BISS intern | 28 Patenuhren | 26 Aus aller Welt:  Wie ein indischer Investor Menschen in Äthiopien ausbeutet | 29 Freunde und Gönner | 30 Impressum | 31 Adressen

Kein Faschingsmuffel

Zirka 1980 war ein Fasching nach meinem Geschmack. Ich war 20 Jahre alt und verkleidete mich als Frau. Das war sehr aufregend für meine Freunde. Die Seidenstrümpfe, die ich anhatte, waren zum Schluss total zerrissen, denn meine Freunde machten sich einen Spaß, daran herumzuzupfen und mich zu begrapschen. Leider gibt es in Bayern keine Faschingshochburgen so wie im Rheinland.

Ein anderes Mal ging ich als Mufti, mit einem original weißen Turban, den ich aus dem Marokko-Urlaub mitgebracht hatte. Ich sah aus, als hätte ich eine Kopfverletzung. Was ich dieses Jahr mache, weiß ich noch nicht. Gott sei Dank bin ich kein Faschingsmuffel. Man kann mich für alles haben. Einst war ich an einem Faschingsdienstag bei der Beerdigung des Faschings dabei, in einem Dorf im Wald in Niederbayern.

Als um 24 Uhr der Fasching zu Ende ging, hat sich einer in eine sargähnliche Holzkiste gelegt, die wurde geschlossen, und damit war der Fasching vorbei. Ein anderes Mal war ich mit einem Freund in einem Wirtshaus am Viktualienmarkt. Da kam eine Dame, sehr elegant, mit der wir uns unterhielten und die uns anflirtete. Das kommt selten vor und war recht schön. Bis wir feststellten, dass es ein Mann war.

Standplatz: Am Sendlinger Tor

Francesco Silvestri an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer

Francesco Silvestri an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer

Als junger Mann wollte ich unbedingt andere Länder und Menschen kennenlernen. Per Zug und Autostopp reiste ich eineinhalb Jahre lang durch den Norden Afrikas, Ägypten, den Irak und Syrien. Meine zweite große Reise ging nach Südamerika, ich war damals 29 Jahre alt. In Ecuador verliebte ich mich in eine Frau.

Ich wollte mich aber nicht dauerhaft niederlassen, auch weil ich keine Möglichkeit sah, mir dort meinen Lebensunterhalt zu verdienen, doch ich besuchte meine Liebe, sooft ich nur konnte. Wir haben zwei Kinder miteinander, einen 28-jährigen Sohn, der mittlerweile selbst schon eine eigene Familie hat, und eine 17-jährige Tochter. Alle ein bis eineinhalb Jahre fahre ich hin, außerdem telefonieren wir einmal die Woche, das ist nicht besonders teuer.

Ich spreche gut Spanisch. Da ich Italiener bin, fällt mir das leicht. Bevor ich nach Deutschland kam, habe ich in Bozen, in Umbrien, in Österreich und in der Schweiz gelebt. Von Deutschland kenne ich leider bloß München, sonst nichts. Ich lebe gern hier, die Stadt ist sehr schön, und ich finde, die Münchner haben auch eine angenehme Art. Obwohl ich Elektriker und Fernsehtechniker in Italien gelernt habe, arbeitete ich kaum in diesem Beruf, sondern die meiste Zeit in der Gastronomie, als Hilfskoch, Pizzabäcker, Kellner und Schankkellner.

Vor etwa zehn Jahren bekam ich dann leider Probleme mit der Durchblutung und ein offenes Bein. Neben einer gewissen Veranlagung ist wahrscheinlich auch das Rauchen mit daran schuld. Ich wäre überglücklich, wenn ich damit aufhören könnte, aber ich rauche nun mal, seit ich 14 bin, und mittlerweile sind es etwa 30 Zigaretten am Tag.

Es ist eine starke Sucht, die loszuwerden sehr schwer ist. Da ich mit dem offenen Bein nicht mehr arbeiten konnte, lebte ich zunächst vom Arbeitslosengeld und kam dann über einen Freund, den ich aus der Teestube kannte, zu BISS. Ich lebte damals in der Notunterkunft in der Pilgersheimer Straße.

Ich verkaufe sehr gern die BISS und stehe meistens von zehn Uhr vormittags bis halb sieben am Abend am Sendlinger Tor, im U-Bahn-Zwischengeschoss, vor dem Aufgang zur Matthäuskirche. Ich habe bisher nur angenehme Erfahrungen mit meinen Kunden gemacht und bin jedem dankbar, der eine BISS bei mir kauft.

Kassensturz

Das Geschäft im Einzelhandel läuft nicht schlecht, aber was verdienen eigentlich die Verkäuferinnen? Und unter welchen Bedingungen arbeiten sie? Ein Stadtbummel mit einem Gewerkschafter

Die letzten Tage im Job: Im März wird Jiani Schneider ihre Arbeit wohl verlieren. Ihr Laden muss schliessen, das Haus wird saniert

Die letzten Tage im Job: Im März wird Jiani Schneider ihre Arbeit wohl verlieren. Ihr Laden muss schliessen, das Haus wird saniert
Foto: Mario Helkert

14130. So viele Menschen laufen in München durch eine einzige Straße, die Kaufingerstraße. Pro Stunde. Unter ihnen zwängt sich auch Georg Wäsler durch das Gedränge zwischen Stachus und Marienplatz. Im Gegensatz zu den anderen Menschen ist er nicht auf der Suche nach einer neuen Hose oder ein paar warmen Socken. Der 56-Jährige zeigt von Geschäft zu Geschäft und sagt: “Pimkie: kein Betriebsrat. Mango: keine Bezahlung nach Tarif. H&M: überwiegend Stundenlöhner.” Dann winkt er Richtung Stachus. “Und dort: Karstadt! Die Beschäftigten haben 50 Millionen Euro pro Jahr in den Sanierungsprozess eingespeist. Weil das Urlaubsgeld eingespart wird und sie nur 25 Prozent vom Weihnachtsgeld bekommen.” Das bedeutet: 2300 Euro weniger Gehalt für eine Vollzeitkraft im Jahr. Lesen Sie weiter bei »Kassensturz«…

BISS-Ausgabe Januar 2012 | Emmas Enkel

Cover der BISS-Ausgabe Januar 2012

Cover der BISS-Ausgabe Januar 2012

Aktuelles | 6 Die neuen Emmas: Ende der siebziger Jahre wurde die Zeitschrift Emma gegründet. Nun setzen sich Frauen, die zur selben Zeit geboren wurden, wieder für feministische Ziele ein | 8 Allein unter Männern: Michaela Pichlbauer kämpft dafür, dass Frauen im Beruf nicht benachteiligt werden. Ein Besuch bei der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt | 12 Ein liebes Paar: Erich Kirsner hat Demenz. Eine ehrenamtliche rechtliche Betreuerin hilft ihm, sein Leben zu meistern | 16 Arm im Alter? Wolfgang Ettlich führte lange eine berühmte Kneipe. Aber auch er hat Angst, dass seine Rente nicht zum Leben reicht | 18 “3 Wochen arbeiten, 1 Woche Ibiza!”: In München findet man Traumjobs an jeder Straßenecke. Was steckt hinter den Aushängen an Ampeln und Laternen? | 20 Im Schlingerkurs: Die Piraten wollen den Stadtrat erobern, aber was genau hat diese Partei eigentlich vor? Ein Interview mit dem Vorsitzenden Holger van Lengerich | Schreibwerkstatt | 4 Standplatz | 22 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | 30 Janas Kolumne: Die süße Versuchung | Rubriken | 3 BISS intern | 28 Patenuhren | 24 Aus aller Welt: Ein britischer Veteran erzählt aus seinem Leben | 29 Freunde und Gönner | 30 Impressum | 31 Adressen

Der Pierrot

Janinas Urlaub war zu Ende. Erholt und guter Laune näherte sie sich ihrem Geschäft, einem Trödelladen, in einer belebten Straße einer großen Stadt. Da bemerkte sie, dass sich vor ihrem Schaufenster ein als Pierrot verkleideter Mann aufgebaut hatte. Sobald ein Passant Geld in die vor ihm stehende Büchse warf, machte er lächelnd eine höfische Verbeugung. “So ist das also”, dachte sie. “Von mir kriegst du nichts.” Aber sie grüßte den Mann freundlich, während sie ihren Laden aufschloss. Wie automatisch verneigte er sich sogleich vor ihr, obwohl sie ihm keinen Cent gegeben hatte. “Ein verrückter Kerl”, dachte sie und betrat kopfschüttelnd ihren orientalisch anmutenden Laden, in dem die Sachen bunt durcheinanderstanden.

Sie hatte auch eine Angestellte, die aber momentan noch im Urlaub war. Bald kamen die ersten Kunden und sie vergaß den Mann. Doch von nun an wiederholte sich jeden Morgen das gleiche Spiel: das Lächeln und die Verbeugung. Bald grüßte Janina ihn nicht mehr freundlich. Sie begann, den Typen zu hassen. Das unnatürliche Gesicht, das übertriebene Gehabe, die Undurchsichtigkeit seiner Maske. Sie bekam schon ein flaues Gefühl in der Magengegend, wenn sie ihn nur sah. Was wollte er von ihr? Sie sehnte sich nach dem Tag, an dem ihre Angestellte zurückkommen würde, dann wäre sie wenigstens nicht mehr allein, denn der Pierrot machte ihr Angst. Und endlich war der Tag da. “Sag mal”, fragte sie, “der Mann da draußen, verbeugt der sich vor dir auch so?” “Nein”, gab diese zur Antwort, “sollte er denn?” Janina zuckte die Schultern. Kunden kamen und wollten bedient werden. Am nächsten Morgen, als der Pierrot wieder sein Spielchen machte, schrie Janina ihn unbeherrscht an: “Was willst du von mir? Geh weg, ich kann dich nicht mehr sehen!” Der Mann sagte nichts darauf.

Als sie am nächsten Morgen wieder ihren Laden aufschloss, grüßte er sie nicht. Auch nicht die Tage darauf und überhaupt gar nicht mehr. Er schaute sie nicht einmal an. “Das hat gewirkt”, dachte Janina zufrieden. Da sah sie durchs Fenster zufällig, wie er jetzt seine typische Verbeugung vor ihrer Angestellten machte, die daraufhin mit einem seltsamen Lächeln an ihre Arbeit ging. Misstrauisch beobachtete Janina dieses Geschehen nun jeden Morgen, die übertrieben ehrfurchtsvolle Verbeugung des Mannes, das Lächeln der Frau. Obwohl Janina ein freundschaftliches Verhältnis mit ihrer Mitarbeiterin pflegte, zog sie sich nun von ihr zurück. Eines Tages kündigte sie ihr. Als der Pierrot merkte, dass die Mitarbeiterin nicht mehr da war, kam auch er nicht mehr.