
Martin Berrabah an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer
Neuperlach wurde in den sechziger Jahren als Trabantenstadt gebaut, heute leben dort viele Sozialhilfeempfänger. Mein Verkaufsplatz vorm Perlacher Einkaufszentrum ist kein leichter, viele Kollegen haben ihn vor mir wieder hingeschmissen, zwei Jahre lang hat dort sogar gar keiner verkauft, weil man da angeblich so wenige Hefte loskriegt. Ich jedoch habe treue, sympathische Kunden, die sagen, sie kaufen nur bei mir. Es ist zwar so, dass ich viele aggressionsgeladene Situationen beobachte und Verhaltensweisen, bei denen ich mir denke, das ist halt eine ganz andere Generation. Aber ich persönlich werde eigentlich in Ruhe gelassen.
Wenn ich mal blöd angeredet werde, dann immer von Deutschen, obwohl 90 Prozent der Leute hier Ausländer sind. Ich gehe zweimal die Woche ins Karatetraining, auch aus dem Grund, weil ich es wichtig finde, Zivilcourage zu zeigen, und dazu möchte ich auch mit 60 noch in der Lage sein und nicht gezwungenermaßen weggucken müssen, wenn zum Beispiel jugendliche Gewalttäter jemanden angreifen. Ich war 20 Jahre lang drogensüchtig und lebte auf der Straße. Vor 13 Jahren kam ich über einen Verkäufer, den ich in der Drogenszene kennengelernt hatte, zu BISS. Wir waren damals etwa 20 neue Kollegen, viele von ihnen sind mittlerweile schon gestorben. Daheim, an einer Pinnwand, habe ich zur Erinnerung Bilder von ihnen aufgehängt sowie auch von einigen netten Kunden, die jahrelang bei mir gekauft haben und dann plötzlich nicht mehr aufgetaucht sind. Manchmal bekam ich von irgendwelchen Bekannten noch Fotos von ihnen.
Als ich bei BISS fest angestellt wurde, überredete mich die Chefin, mir eine eigene Wohnung zu nehmen. Für mich war das am Anfang ungewohnt, ich wollte lange Zeit eigentlich gar keine haben und hätte sie wohl auch wieder aufgegeben, wenn nicht schon meine zwei Katzen bei mir gelebt hätten. Sie und meine Hündin Maja bedeuten mir viel. Von Tieren wird man nicht enttäuscht, ihre Liebe ist ehrlich. Ansonsten bin ich viel allein, ohne Pflichten, ohne Verantwortung. Beziehungsfähig war ich eh noch nie. In meiner Freizeit übe ich Gitarre oder Mundharmonika. Bei BISS haben wir übrigens einen, der mindestens so gut Mundharmonika spielen kann wie Michael Hirte, der angebliche Sozialhilfeempfänger aus der “Supertalent”- Show. Dessen Mitleidsmasche würde ich für mich aber nicht wollen.